The Games That Never Were: Der Küfersimulator 2013

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Stagnation, Aufgewärmtes, Sequels: Wer sagt, dass es bei Games nicht noch Platz für revolutionär Neues, für Unerwartetes, Abwegiges oder schlicht: das Unmögliche geben darf? The Games That Never Were ist ein Gedankenexperiment: Spiele, wie es sie nie gegeben hat und so auch wohl nicht geben wird. Als Auftakt zu einem guten neuen Jahr gibt sich diesmal polyneux-Feder Stiftnürsel die Ehre und beschreibt in seinem unnachahmlichen Stil ein herrlich absurdes Spiel, das eigentlich längst darauf wartet, in die Realität umgesetzt zu werden. 

Heutzutage kann man alles sein, was man möchte. Holzfäller, Schwebebahnfahrer, Gabelstapler, Landwirt, Busfahrer oder Werksfeuerwehrmann. Mal bewegt man ein Gefährt von A nach B, mal ist man für einen ganzen Betrieb verantwortlich. Videospiele machen es möglich, so sehr zu gähnen, dass man sich dabei den Kiefer ausrenkt. Leider fehlt mir bei dieser Auflistung aber der Berufszweig, den ich seit meinen ersten Schritten durch Tristrams Kathedrale ausüben möchte und der definitiv viel spannender zu spielen sein wird als die oben genannten Titel. Ich wäre nämlich gerne ein Küfer.

Recettear ging da schon in die richtige Richtung. Hier ist man die Besitzerin eines kleinen Ladens und stattet mutige Helden vor ihren Abenteuern mit Ausrüstungsgegenständen aus oder kauft ihnen gefundene Dinge nach ihrer Rückkehr ab, um diese danach teuer zu verkaufen. Nun ist Recettear aber ein ziemlich buntes Spiel und verbreitet trotz der eigentlich recht dramatischen Hintergrundgeschichte viel Freude. Beim Küfersimulator wäre das anders. Schließlich wollen wir unsere Kunden über den Tisch ziehen. Aber der Reihe nach. Die Vorgeschichte des Küfersimulators ist so komplex, dass ich sie zunächst detailliert wiedergeben sollte.

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Wir beginnen unsere Karriere als einfacher Mann in einer ebenso einfachen Hütte (Natürlich kann man auch eine Frau spielen, bevor sich hier jemand beschwert. Zu Beginn des Spiels wird man von einem nebenan wohnenden Erotikwissenschaftler gefragt, ob man ein Mann oder eine Frau ist.). Als uns eines Tages ein Baum auf den Kopf fällt und wir diesen deswegen erst heiraten und danach wutentbrannt zerhacken, kommt uns die Idee: Wir bauen ein Fass aus unserem ehemaligen Partner, um darin von nun an die Tränen von unzufriedenen Call-Center-Mitarbeitern zu sammeln. Damit wir uns nie wieder an unsere schlimme Beziehung erinnern, entledigen wir uns zudem unseres Eherings und stecken ihn in ein kleines Loch in einem der zum Bau verwendeten Bretter.

Drei Tage später haben wir Hunger. Da wir unsere letzten Ersparnisse für den Ehering ausgegeben haben, beschließen wir, ihn lieber zu verkaufen, als ihn in diesem vermaledeiten Fass stecken zu lassen. Also greifen wir zu einer riesigen Trompete und zerschlagen damit das Behältnis. In den Trümmern finden wir den Ring und verkaufen ihn. Als während eines Sturms ein Blitz in unseren Kopf einschlägt, wird uns nicht nur endlich klar, dass wir aus diesem garstigen Wald verschwinden sollten, gleichzeitig erscheint eine Geschäftsidee und ist sehr effektiv.

Wir werden Küfer und stellen von nun an Fässer und Truhen her. Naheliegend. Leider gibt es ein Problem: Da wir sehr viel Wert auf Qualität legen, sind unsere Fässer und Truhen so gut, dass sie ewig halten. Kunden kommen nicht wieder. Haben sie einmal ein Fass gekauft, benötigen sie kein neues mehr. Wir stehen kurz vor dem Ruin. Was tun? Die Antwort liegt auf der Hand, da wir sie auf einen kleinen Zettel geschrieben und auf besagte Hand gelegt haben (Was sich übrigens sehr gut mit dem WiiU-Gamepad umsetzen ließe.): Hin und wieder müssen gekaufte Fässer zerstört werden. Aber wie? Wir können ja nicht persönlich zu unseren Kunden gehen und auf die Fässer einschlagen. Da bleibt gar keine Zeit für. Wir müssen schließlich andauernd heiraten und unsere Partner zerhacken, um die Produktion aufrecht zu erhalten.

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Dann ereignet sich der wichtigste Tag unseres Küferlebens: Irgendein Dämon nistet sich in der nahegelegenen Kathedrale Tristrams ein und bedroht die Welt. Unzählige Helden machen sich auf den Weg, um das Böse zu besiegen. Man sollte noch erwähnen, dass die Gelehrten Tristrams zu unseren besten Kunden gehören. Die Kathedrale ist gigantisch, vor allem unter der Erde, und beherbergt unzählige Fässer. Doch bis zu dem Dämonenvorfall waren wir uns sicher, dass auch die Gelehrten irgendwann keine neuen Fässer mehr benötigen werden. Es kommt anders. Durch die vielen Kämpfe in der Kathedrale werden immer wieder versehentlich Fässer und Truhen zerstört. Die aufgebrachten Gelehrten stehen fast täglich vor unserer Tür, um die kaputten Waren zu ersetzen. Es wird schnell klar: Da muss man doch was draus machen!

Warum selbst Fässer zerhauen, wenn es andere für einen tun können?

Nach Tagen gefüllt mit Überlegungen geht uns dann endlich ein Schuh auf (Licht konnten wir uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht leisten). Warum sollte man etwas selbst machen, wenn man jemanden dafür bezahlen kann? Warum selbst Fässer zerhauen, wenn es andere für einen tun können? Die Helden sorgen gerade nichtsahnend dafür, dass wir mit der Fassproduktion fast nicht mehr hinterher kommen. Es wird Zeit, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Wir heuern ein paar vertrauenswürdige Betrüger an, setzen uns mit ihnen an einen Tisch und es entsteht folgender Plan:

Wir bauen in unsere Fässer und Kisten Geheimverstecke ein. In diesen verstecken wir Goldmünzen und / oder Gegenstände. Unsere Techniker schaffen es sogar, ganze Schilde, Breitschwerter und Brustpanzer in ein Fass einzubauen. Wie? Magie. Gleichzeitig lassen wir überall rumerzählen, dass es in den Fässern unserer Firma etwas zu holen gibt. Natürlich geschieht dies im Verborgenen. Die Käufer sollen ja nichts davon mitbekommen.

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Man muss nun bedenken, dass der durchschnittliche Held keine Fragen stellt. Solange für ihn im wörtlichen Sinne etwas dabei herausspringt, rennt er in jedes Gebäude einer Stadt und zerschlägt alles, was interessante Gegenstände beinhalten könnte. Da wird keine Rücksicht genommen. Und verraten wird auch nichts. Helden brauchen schließlich diesen sogenannten „Lootkick“. Manche von ihnen begeben sich sogar ausschließlich auf Abenteuer, um neue Sachen zu finden. Rüstungen, Waffen, Talismane oder Gold? Ganz egal. Hauptsache es gehört einem am Ende. Warum sollte man auf diesen Kick verzichten und es den Opfern verraten? So blöd ist niemand.

Hier beginnt der Küfersimulator 2013. Man hat zunächst nur die Möglichkeit, ein paar Goldmünzen in den Truhen und Fässern zu verstecken und kann mit Hilfe einfacher Gewinn- und Verlustrechnungen einstellen, wie hoch der Goldanteil in den eigenen Produkten sein soll. Beispiel: Man verkauft ein Fass für 50 Gold. Die Herstellung kostet 40 Gold. Von den restlichen 10 Gold behält man 5 Gold für sich. Den Rest verteilt man auf drei Fässer. In eines kommen drei Münzen, in die anderen jeweils eine Münze. Dieses Verteilungsverhältnis kann zeitnah reguliert werden.

Nun kontaktiert man die Hölle und bietet einem Höllenfürsten einen Haufen Geld dafür an, das Haus eines unserer Großkunden zu überfallen. Schließlich muss man Helden anlocken. Sie einfach so bei den Kunden einfallen zu lassen, wäre etwas auffällig.

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Die Helden bekommen wiederum ein Anschreiben. Dieses zum Beispiel:

„Liebe Helden,

Diablo ist zurück! Wir laden Sie herzlich in die Kathedrale in Tristram ein, um ihm gegenüberzutreten! In unseren Fässern finden sie wie immer Gold, Gegenstände und Tränke. Unser Sponsor, die Brustschutz GmbH, hat uns außerdem drei legendäre Bauchmuskelverstärker zur Verfügung gestellt. Werden Sie sie finden?

Viel Spaß bei der Suche!“

Im Grunde ist damit alles gesagt. Man verkauft Fässer an ahnungslose Kunden, um sie von Helden zerstören zu lassen. So kann man hochwertige Fässer herstellen, ohne von langen Haltbarkeitszeiten in den Ruin getrieben zu werden. Man muss Sponsoren finden, misstrauisch gewordene Kunden ausschalten, mit Dämonen verhandeln und die Produktion aufrecht erhalten. Durch die Investition in eine Entwicklungsabteilung kann man immer größere und bessere Gegenstände verstecken, ohne dass die Käufer es bemerken. Gleichzeitig kooperiert man mit Geschäften wie denen aus Recettear. Sie kaufen den Helden die gefundenen Waren ab, um die daraufhin an uns weiterzugeben. Man unterstützt sich gegenseitig. Wir locken die Helden an, alle profitieren davon.

Das Ziel ist klar: die Monopolstellung. Aber natürlich sollte man auf dem Weg zu diesem Ziel nicht zu gierig werden. Denn ein zu starker Dämon kann schnell mal die Welt erobern - und dann war es das mit der Fassproduktion.

Autor: 

Kommentare

Erinnert an den Barrels-Make in "The Bard's Tale"

( siehe http://en.wikipedia.org/wiki/The_Bard%27s_Tale_%282004_video_game%29#Parody_of_fantasy_games , letzter Punkt )

[...] ZUM TEXT Dieser Beitrag wurde unter Texte, Videospiele veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. ← Blumenselbstpflücke [...]

@Der Gast: Haha, das ist ja super! Ich wollte mir "The bards tale" schon häufiger mal holen. Gerade wegen den vielen Anspielungen, von denen ich immer wieder so höre. Dass die sogar meine Fassidee aufgreifen, motiviert mich nur noch mehr zum Kauf. :D

[...] Januar 2013 schrieb ich einen Artikel für videogametourism.at mit dem Titel The Games That Never Were: Der Küfersimulator 2013. Wenn man das Jahr schon einleitet, sollte man es auch entsprechend ausklingen lassen, dachte ich [...]

[...] Gedankenexperiment: Spiele, wie es sie nie gegeben hat und so auch wohl nicht geben wird. Zum zweiten Mal zu Gast, diesmal kreativ angestachelt von Manu: Sven Himmen aka Stiftnürsel [...]

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