Gepflegte Schlägerei

Anlässlich des PC-Starts von GTAV spendet uns die WASD den folgenden Text von Sonja Wild - der passt nämlich wirklich wunderbar und perfekt zum Thema Videospieltourismus. Ursprünglich erschien er in der WASD #4.

Was für ein herrlicher Tag. Die kalifornische Sonne wirft ihre goldenen Strahlen im Überfluss auf die Erde, vom Meer sorgt eine kühle Brise für Abkühlung. Los Santos, diese Metropole der Widersprüche, schmiegt sich friedlich zwischen Küste und Gebirge. Der perfekte Tag für eine Partie Golf.

Kalifornien ist ein Paradies für Freunde des Golfsports. Nicht weniger als zwölf Plätze verzeichnet der „California Golf Adventure Guide“ allein für Los Angeles, und auch der legendäre Tiger Woods machte im Umland der kalifornischen Metropole seine ersten Gehversuche. Mit GTA V legt Rockstar nun eine Golfsimulation vor, die vor der kalifornischen Golftradition ihren Hut zieht und im Gegensatz zu anderen Titeln nicht mit einer Fülle an Plätzen, Spielern, Turnieren und Accessoires überzeugen will, sondern mit einer sauberen Spielmechanik, butterweicher Steuerung und kleinen, aber feinen Extras.

Der Ort des Geschehens, Los Santos, ist natürlich eine liebevolle Hommage an Los Angeles. Ausgangspunkt für den Golfspaß ist der „Los Santos Golf Club“, gelegen (wie passend) im schönen Stadtteil Richman. Zur Wahl stehen nur drei Spielfiguren. Neben Michael, mittleren Alters und erkennbar Mitglied der urbanen weißen Oberschicht, sind zwei weitere, recht interessante Charaktere spielbar: Das junge Gangmitglied Franklin und Trailerparkbewohner Trevor. Sicherlich keine klassische Golfklientel – schön, wie Rockstar hier mit unseren Erwartungen spielt. Weniger schön ist die Beschränkung auf männliche Spielfiguren, hier waren Spiele wie Everybody's Golf schon vor Jahren weiter. In GTA V ist Golf vielleicht Sport für Jedermann, nicht aber für everybody. In der Realität allerdings auch nicht.

Bevor man sich mit KI-Gegnern messen kann, muss der 9-Loch-Platz zunächst mit einer Differenz von 0 oder besser durchgespielt werden. Bereits bei dieser Platzreife-Runde wird klar: Die Freiheiten liegen bei GTA V im Detail. Es gibt keine unterschiedlichen Plätze und keine Turniere, einen Multiplayer-Modus sucht man vergeblich. Im Gegensatz zur *Tiger Woods PGA Tour-Serie kann der Spieler seinen Charakter auch nicht mit individueller Kleidung oder schicken Accessoires ausstatten. Preisgelder oder Trophäen: ebenfalls Fehlanzeige. Die einzigen Belohnungen bleiben der Blick auf die Punktekarte und das gelegentliche Lob für einen guten Schlag. Die Entwickler haben ihre Leidenschaft in andere Kleinigkeiten gesteckt: So entscheidet der Spieler beispielsweise vor jedem Loch aufs Neue, welchen Weg er nimmt. Gestresste springen mit L1 direkt zum Abschlag. Wer etwas mehr Zeit mitbringt, kann das komfortable Elektro-Golfmobil nehmen, das sogar so etwas wie Fahrspaß bietet, und während der Fahrt im Schneckentempo gemütlich andere Spieler beobachten. Um die einzigartige Golfatmosphäre wirklich aufsaugen zu können, wählt man den dritten und längsten Weg – und geht zu Fuß. Vogelgezwitscher und der grünste Rasen der Welt entschädigen für den zusätzlichen Zeitaufwand. Golf als gelebte Entschleunigung.

Der Weg ist beim Golf allerdings nur ein nebensächliches Ziel. Zumindest der eigene. Damit auch der Ball seinen Weg und also sein Ziel findet, bietet das Spiel eine Loch- und Flugbahnvorschau. Unter Berücksichtigung von Windrichtung und -geschwindigkeit lässt sich damit sehr exakt zielen. Die ersten Testrunden zeigen mir: Die Zielempfehlungen des Spiels sollten mit Vorsicht genossen werden, die Windstärke etwa scheint kaum eine Rolle zu spielen. Selbst wenn der Wind mit Stärke fünf gen Westen bläst, setzt GTA V den Schlag gerne schnurgerade Richtung Loch. Da gilt es ordentlich nach links zu korrigieren, sonst ist Kummer vorprogrammiert. Anders sieht es bei der Vorauswahl des Schlägers aus: Die ist durch die Bank verlässlich. Wer sich hier lieber auf sein Halbwissen verlässt und leichtfertig von den Empfehlungen des Spiels abweicht, landet schneller im Bunker, als er Bogey sagen kann.

Der Weg ist beim Golf allerdings nur ein nebensächliches Ziel. Zumindest der eigene.

Ist die Zielrichtung eingestellt, kann der Schlag sehr intuitiv mit dem linken Analogstick gesteuert werden. Das Spiel gibt dabei zur Orientierung einen gelben Bereich innerhalb eines vertikalen Schlagbalkens an, an dem der ideale Kraftaufwand abzulesen ist. Diesen schmalen Bereich zu treffen ist nicht ganz einfach, wer es schafft, wird mit dem Hinweis „perfekter Treffer“ belohnt – und mit einem Ball, der ungefähr da landet, wo er soll. Auch hier entwickelt man mit ein bisschen Experimentieren ein Gefühl dafür, wann es sinnvoll ist, die Kraft etwas höher oder niedriger zu dosieren, als es das Spiel vorschlägt. Geht ein Schlag doch einmal völlig daneben, kann dem Ball noch während des Fluges etwas Drall mitgegeben werden, mit dem linken Analogstick und der X-Taste lässt sich das erstaunlich gut kontrollieren.

Wer ein bisschen Erfahrung mit Golfspielen hat, teilt vielleicht meine Einschätzung, dass Schlagen die eine Sache ist, Putten eine ganz andere. Ich will ganz offen sein: Sobald der Ball das Green erreicht hat, hört für mich der Spaß auf und der Stress beginnt. Das liegt auch daran, dass diese verfluchten Greens selten plane Flächen sind. Bevorzugt bleibt der Ball am steilsten Punkt einer Schräge liegen und wie sehr ich mich auch bemühe, das Gefälle auszugleichen: Er eiert mit hoher Wahrscheinlichkeit erst einmal weit am Loch vorbei. GTA V zeigt etwaige Höhenunterschiede immerhin anhand eines unterschiedlich gefärbten Gitternetzes an. Das hilft (ein bisschen). Der Putt-Mechanismus selbst unterscheidet sich kaum vom Schlagen, es bleibt lediglich etwas mehr Zeit, den optimalen Kraftbereich zu treffen, weil sich die Markierung auf dem Balken langsamer bewegt. Das verhindert nicht, dass mir der Ball selbst bei kurzen Distanzen auch mal vorbeirollt – aber was soll's, die kalifornische Sonne scheint mir auf den Arsch und beim nächsten Mal wird alles besser. Eine Sonnengarantie gibt das Spiel übrigens nicht, Kalifornien hin oder her. Gelegentlich regnet es auch in Los Santos, und dann auch mal so viel und langanhaltend, dass sich auf dem Green tiefe Pfützen bilden und man sich Gummistiefel wünscht.

GTA V bietet keinen 18-Loch-Platz, nach nur neun Löchern ist Schluss. Die einzelnen Spiele geraten dadurch relativ kurz, wenn man nicht gerade jedes Loch mit einem Triple Bogey abschließt. Trotzdem bietet das Spiel sowohl Langzeitspaß als auch einen hohen Wiederspielwert: Wer seine erste Runde mit einer Differenz von 0 oder besser abgeschlossen hat, kann in der Folge schließlich nach Belieben gegen einen oder mehrere Gegner mit unterschiedlichen Golfskills antreten, die klingende Namen tragen wie „Todd Rosenweig“, „Castro Lagano“ oder „Aaron Ingram“. Dass es nur einen Platz gibt, stört wenig, dafür entschädigt das umwerfende Panorama, das sich an jedem Loch neu entfaltet: Die grüne Oase ist eingebettet in die schwindelerregende Wolkenkratzerlandschaft der Großstadt. Und jede Runde ist ein neuer, entspannter Spaziergang über die grünen Auen des Los Santos Golf Clubs.

Wer irgendwann trotzdem genug hat vom gediegenen Ballschlagen, der kann mit den Reichen und Schönen auf der Sonnenterrasse abhängen und ihren oberflächlichen Gesprächen lauschen. Alternativ lassen sich angestaute Aggressionen abbauen, indem man die operierte Zahnarztgattin an Loch 1 einfach mal elegant mit seinem Golfwägelchen umnietet. Oder in der geselligen Runde vor dem Clubhaus mit dem Driver um sich schlägt. Solche Verstöße gegen die Golfetikette bleiben nicht ohne Folgen: Wenig später heulen die Polizeisirenen und es bleibt nur die Flucht. Zum Glück stehen auf dem Parkplatz vor dem Clubhaus die exklusiven Sportwagen der Mitglieder bereit, die sich kurzerhand zu Fluchtfahrzeugen umfunktionieren lassen. Ich wage das Abenteuer und verlasse mit Vollgas das Gelände des Golfclubs, werde erwartungsgemäß von mehreren Einsatzfahrzeugen des LSPD verfolgt, die sich jedoch mit etwas Geduld und Fahrgeschick abhängen lassen.

Wer die Augen offen hält, findet in GTA V sogar die ein oder andere unterhaltsame Aktivität, mit der er sich die Zeit bis zur nächsten Golfpartie vertreiben kann.

Ich könnte nun umkehren und mich direkt auf den Weg zurück zum Golfplatz machen: Entweder sind die Clubmitglieder nicht sehr nachtragend oder ihr Gedächtnis hat durch jahrelangen Alkohol- und Kokainmissbrauch stark an Leistung eingebüßt, jedenfalls steht der nächsten Runde auf dem Platz nichts im Weg. Es lohnt sich allerdings, sich zuvor Los Santos ein bisschen genauer anzusehen. Nicht nur ist die Stadt sehr hübsch und abwechslungsreich – wer die Augen offen hält, findet sogar die ein oder andere unterhaltsame Aktivität, mit der er sich die Zeit bis zur nächsten Golfpartie vertreiben kann: Da locken sportliche Angebote wie Yoga, Tennis oder Triathlon, aber auch französischer Kunstfilm, Achterbahnfahrt und Stripclub. Das Tüpfelchen auf dem i ist eine Reihe recht komplexer Minispiele, die unter anderem zu Raubüberfällen, Verfolgungsjagden, Auftragsattentaten und wüsten Schießereien einladen. Verbunden sind die Spiele durch eine mitreißende, wenngleich brutale Story um die drei Spielcharaktere Michael, Trevor und Franklin. Es ist beeindruckend, was sich Rockstar hier hat einfallen lassen: In Sachen Umfang und Tiefgang hat dieses kleine, nahtlos in die Golfsimulation eingebundene Spiel im Spiel das Zeug zum Kulthit – aber davon ein andermal mehr.

Sonja Wild ist Mitinhaberin einer PR-Agentur und darf im Job leider nie über Spiele schreiben. Sie spielt alles, was ohne Elfen und Trolle auskommt und kompensiert mangelnde Geschicklichkeit durch Geduld und das Schreien von Kraftausdrücken.

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