Im Räderwerk der Geschichte: High Tea

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Warum eigentlich spielen? Nie werden Games so cineastisch sein wie Filme, nie werden sie uns so tief in die Psyche ihrer Figuren eintauchen lassen wie Bücher, und die Unmittelbarkeit und Spontanität von Liveperformances wie in Theater oder Kleinkunst können auch die besten Online-Erlebnisse kaum übertreffen. Ein einziges Alleinstellungsmerkmal haben Spiele den arrivierten Medien voraus: Sie ermöglichen es, Mechanismen am eigenen Leib zu erfahren, sie nicht nur beschrieben zu bekommen, sondern sie selbst zu erleben. Dass man dabei auch was lernen kann, ist ein positiver Nebeneffekt - auch wenn beim Begriff "educational game" gern alle gewohnheitsmäßig schreiend davonlaufen. Hiergeblieben: High Tea lehrt uns Kolonialgeschichte.

High Tea ist ein Freeware-Strategiespiel, in dem man ein Stück Geschichte am eigenen Leibe nachspielt. Ende des 19. Jahrhunderts war China Großbritanniens einziger Tee-Lieferpartner; weil die Tee-Sucht der Briten aber immer größer wurde, kam man auf die clevere Idee, in China statt mit barer Münze mit Opium aus den britischen Mohnfeldern in Bengalen dafür zu bezahlen. 

Dass das Kaiserreich China damit angesichts rasant steigender Zahlen von Opiumsüchtigen nicht gerade glücklich war, kann man sich vorstellen; dennoch verdienten sich die Ostindische Kompanie mit dem Schmuggel von Opium ins Reich der Mitte und dem Verkauf von Tee nach Europa eine goldene Nase. Als China dem Ganzen einen Riegel vorschieben wollte, griff Großbritannien zur Gewalt - die Folge war der erste Opiumkrieg, der mit der Abtretung Hongkongs an die Briten endete.

In High Tea, das gratis im Browser spielbar ist und als Begleitprojekt zu einer Ausstellung im Jahr 2010 gedacht war, ist man nun einer jener Ostindien-Kapitalisten zur Blütezeit des florierenden Handels zwischen Opium- und Teein-Sucht. Unter anfangs mäßigem Zeitdruck heißt es, Tee und Opium möglichst günstig ein- und möglichst teuer wieder zu verkaufen. Schwierigkeiten machen dabei fluktuierende Preise, chinesische Zollkontrollen und der ständig steigende Teedurst der Briten in Europa - von Jahr zu Jahr müssen größere Teemengen exportiert werden, während zugleich der Opiumhandel immer lukrativer, aber gefährlicher wird.

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Klar kann man sich auch mit Büchern oder dem Klick auf Wikipedia mit dieser Materie vertraut machen, doch High Tea tut etwas, das diese Medien nicht können: Es lässt uns einen komplexen historischen Sachverhalt, einen geschichtlichen Mechanismus der Kolonialisierung mit allen seinen ablaufenden Räderwerken und Konsequenzen, quasi am eigenen Leib nachvollziehbar erleben. Ein ganz hübscher Nebeneffekt für ein Spiel, das zudem auch wirklich Spaß macht.

Eine Partie dauert - je nach Erfolg - eine knappe Viertelstunde, das Jonglieren mit Angebot und Nachfrage sowie Risikoabwägung ist fordernd und unterhaltsam, und auch Nichtkapitalisten bemerken, dass man im Eifer des faszinierenden Spiels von kurzzeitigem Gewinn und perfekten Verkaufsmomenten schon mal vergessen kann, was man dabei eigentlich genau tut - eine Lehre fürs Jetzt, würde ich mal sagen. 

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