Kickstarted & Overfunded - was nun?

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Der folgende Text ist der Einstieg von Joe Köller bei VGT. Mein Landsmann hat sich in jüngster Zeit als "foreign correspondent" von Critical Distance und vor allem als Herausgeber der famosen englischsprachigen Online-Publikation Haywire Magazine betätigt; ich freue mich, in Zukunft hier regelmäßiger von ihm zu lesen. Welcome!

Normalerweise hat das Internet es ja nicht so mit dem Bezahlen und möchte Inhalte lieber gratis und sofort. Aber manchmal, für den richtigen Zweck, sitzt die Brieftasche auch locker. Nach diesem Prinzip versuchen seit 2009 auf Kickstarter Leute guten Willen, Idealismus oder Nostalgie zu Geld zu machen um damit ihre interessanten oder auch kuriosen Projekte zu finanzieren. Bestimmt muss nicht erwähnt werden, dass auch die Spielebranche die Plattform mittlerweile für sich entdeckt hat. Diverse Veteranen sammeln dort mit Erfolg Geld für Neuauflagen oder Fortsetzungen beliebter Klassiker.

Dabei sind die Nutzer von Kickstarter mitunter so großzügig, dass Projekte weit über ihr ursprüngliches Ziel hinausschießen. Sehr weit. Das stellt nicht nur Entwickler und sonstige Kreative vor ein eher ungewöhnliches Problem (Wohin bloß mit dem ganzen Geld?), sondern ändert auch die Erwartungshaltung ihrer spendablen Unterstützer, die sich für den Überfluss an Mitteln ein entsprechend größeres und ambitionierteres Projekt erwarten. Wozu verpflichtet der unerwartete Geldsegen aber wirklich, und wozu eben nicht?

Kickstarter selbst widmet dem Thema "Overfunding" ein paar Worte in seinem FAQ - und stellt dabei zunächst fest, dass der vermeintliche Überschuss oft sowieso durch höhere Kosten aufgefressen wird: Wer mehr Spender hat, muss auch mehr Belohnungen verschicken. Natürlich sollten diese nicht so konzipiert sein, dass man bei großem Interesse Verluste macht, aber der eigentliche Gewinn dürfte niedriger ausfallen, als den wartenden Kunden klar ist, zumindest bei physischen Medien und Belohnungen.

Computerspiele und Videos haben den Vorteil, dass sie mit einer einzigen Version und digitalem Vertrieb theoretisch ein unbegrenztes Publikum bedienen können. Aus diesem Grund verdient sich Steam schon lange mit niedrigen Preisen eine goldene Nase. Aber egal, wie viel Geld nun genau übrig bleibt, die eigentliche Frage ist ja, was damit passieren sollte. Hier lässt Kickstarter den Machern freie Hand: Der Überschuss kann in das Projekt fließen, muss aber nicht. Im Prinzip handelt es sich dabei schlicht um Profit - und entgegen der allgemeinen Meinung darf man auch mit Projekten, die einem am Herzen liegen, Gewinn machen.

Was tun, wenn ein Kickstarter-

Projekt viel mehr

einnimmt, als verlangt wurde?

Grundsätzlich gibt Kickstarter in seinen Nutzungsbedingungen nur eine bindende Regel zu diesem Thema an: Alle versprochenen Belohnungen müssen bereitgestellt oder die entsprechende Summe zurückerstattet werden. Da sich dabei in der Regel um Exemplare des geplanten Spiels, Produkts oder Kunstwerks handelt, sollte es dem beworbenen Standard entsprechen. Darüber hinauszugehen ist lobenswerter, aber optionaler Ehrgeiz.

Mittlerweile umgehen viele Projekte auf Kickstarter diese Frage mithilfe von Stretch Goals, Bonuszielen, die genau angeben, was sich an dem Projekt noch ändern wird, wenn es bestimmte Summen erreicht. Dadurch liefern die Ersteller ihren Unterstützern nicht nur konkrete Gründe, warum sie sie auch nach erfolgreicher Finanzierung weiter mit Geld überschütten sollten; indem sie diese Ziele und Pläne ausformulieren, verpflichten sie sich auch, sie später zu erfüllen. Stretch Goals sind aber erst seit kurzem populär, die erste Welle an Projekten, die sich nun der Vollendung nähert, kam noch ohne sie aus und lässt damit Raum für Interpretation.

722Overfunded: FTL

Im September letzten Jahres wurde FTL: Faster Than Light als einer der ersten Crowdfundingtitel kommerziell veröffentlicht, nachdem das Spiel sechs Monate zuvor rund 200.000$ auf Kickstarter erreicht hatte - 20 mal so viel wie ursprünglich geplant. Wie genau diese Menge an Sterntalern die Produktion des Raumschiff-Roguelikes verändert hat, lässt sich schwer sagen, trotzdem fiel die Rezeption des Titels durchgehend positiv aus. Die ursprüngliche Idee allein überzeugte, auch wenn das Spiel nicht zum Erfolg proportional vergrößert wurde.

Dass die Reaktionen auch anders ausfallen können, zeigt ein kontroverseres Projekt, Anita Sarkeesians "Tropes vs Women"-Videoserie, deren lang erwartete Ankunft derzeit im Netz für Furore sorgt. Die meisten Kommentare zu dem Thema kann man sich noch immer nicht guten Gewissens antun, aber auch durch vernünftige Beiträge zieht sich ein für mich beunruhigender Tenor: “Ganz nett, aber für 160.000$ wäre doch mehr drin gewesen, nicht?”

Zur Erinnerung: Auf Kickstarter verpflichten sich nicht etwa Kreative ihren Kunden, sondern das Publikum verpflichtet sich Projekten.

Ja, das wär es wohl. Aber mehr zu verlangen, kommt nicht nur dem sexistischen Gekreische, das Sarkeesian mit Vergnügen als Diebin oder Betrügerin hinstellt, gefährlich nahe - es bedeutet auch eine grundsätzliche Fehlinterpretation der Machtverhältnisse im Crowdfunding. Zur Erinnerung: Auf Kickstarter verpflichten sich nicht etwa Kreative ihren Kunden, sondern das Publikum verpflichtet sich Projekten. Man wird zum Backer, nicht zum Investor oder Teilhaber, sondern bloß zum Unterstützer, das Recht auf Mitsprache nicht zwangsläufig inbegriffen

Der finanzielle Erfolg von Tropes vs. Women basiert im Grunde weniger auf Anita Sarkeesians eigenem überbordendem Enthusiasmus, als dem Versuch ihrer Unterstützer, das Projekt in Beschlag zu nehmen, um mit barem Geld die sexistische Hetze, die ihr widerfahren ist auszugleichen und dann am besten auch noch zu bekämpfen und den  Sexismus in Spielerkreisen vielleicht gleich auszumerzen. Von Sarkeesian zu verlangen, dass sie diesen emotionalen Geldschwall in ein sinnvolles Projekt entsprechender Größe verwandelt, dass sie ihren Ehrgeiz doch dem Gebrüll der Massen anpassen solle, ist bizarr. Wieso gilt es jetzt als entäuschend, lediglich das abzuliefern, was man von Anfang an versprochen hat?

Zumal auch keine Einigkeit darüber herrscht, wie denn nun dieses Mehr aussehen sollte. Mehr Dynamik, einen Gesprächspartner vielleicht oder doch gleich eine Interviewreihe? Ein Freund meinte kürzlich, sie hätte doch gleich eine ganze Dokumentation drehen können, und auch Kollisionsabfrage muss man unterstellen, dass der Budgetvergleich mit "Indie Game: The Movie" nicht zufällig gewählt ist. Eines haben die Vorschläge gemeinsam: Mehr bedeutet hier in der Regel “etwas anderes”. Aber etwas anderes als ursprünglich angekündigt zu produzieren, ist rechtlich fragwürdig und wohl auch angreifbar, selbst wenn die Alternative den Großteil der Unterstützer zufrieden stellt.

Auch wenn die meisten Nutzer von Kickstarter, in der Regel Überzeugungstäter, liebend gern mehr Zeit und Geld in ihre Projekte investieren würden, nicht alle Pläne lassen sich beliebig und sinnvoll erweitern. Mehr noch: Die Vorstellung, dass man sich jederzeit dem Druck des Kapitals fügen müsse, hieße ja auch, dass das Publikum mit genügend Geld jedes Projekt umkrempeln, verdrehen oder in eine Karikatur seiner selbst verwandeln kann. Wenn jemand für 10.000$ ein Brettspiel entwerfen will, muss er es dann für 100.000$ zum Computerspiel umbauen? Wenn ich anbiete, für 1.000$ einmal zu Fuß um die Welt zu gehen, muss ich es für 5.000$ fünfmal hintereinander machen?

Natürlich soll niemandem verboten werden, von "Tropes vs. Women" oder anderen Crowdfundingprojekten enttäuscht zu sein - nur gehört das eben zum Risiko des Geschäftsmodells und sollte schon bedacht werden, bevor man die jeweilige Katze im Sack kauft. Genau wie die Möglichkeit, dass das Projekt scheitern könnte, oder auch die Frage ob der eigene Beitrag noch sinnvoll ist, wenn es doch ohnehin schon finanziert ist. Die Macht, die Kickstarter uns, den zahlenden Massen, verleiht, bringt eben auch Verantwortung mit sich.

Vor allem aber sollte man mit derartigen Überlegungen vorsichtig sein, wenn man sich - wie wohl die meisten Diskutanten - am jeweiligen Projekt ohnehin nie beteiligt hat. Denn sich als “Nutznießer” zu fragen, ob dem zahlenden Publikum hier für sein Geld denn auch genug geboten wird, ist irgendwie zynisch.

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Kommentare

Ich fühle mich mal angesprochen: "Mehr Dynamik" habe ich mir tatsächlich vollkommen unabhängig von der Geldmenge des Projektes gewünscht.

Medienproduktion ist enorm aufwändig, enorm teuer und Menschen die bisher an 1-Mann/Frau-Projekten gearbeitet haben schließen über Nacht keine Regie- oder Produktionsausbildung ab, nur weil sie mit Geld beworfen werden. Vergleiche zu Dokumentationen oder TV-Produktionen sind albern und dass Anita Sarkeesian ihrem etablierten Format treu bleibt kann ich vollkommen nachvollziehen, auch weil es letztlich genau das ist, womit sie angetreten ist.

Ich denke nur, dass in diesem speziellen Fall didaktisch ein paar Chancen vertan werden. Aber das ist vielmehr ein Grundsatzproblem mit dem 'Frontalunterrichts-Stil' meinerseits und keine Anklage an die Kosten/Nutzen-Ausbeute des Projektes.

Nach wie vor muss ich widersprechen: Indie Game - The Movie wurde als Beispiel gewählt, um zu zeigen, was mit einem vergleichen Budget und zwei Personen hinter der Kamera möglich wäre. Niemand verlangt, dass Sarkeesian die gleiche Ästhetik oder Form fährt. Der logistische Aufwand, der aber durch Auffindung und Besuche von Interviewpartnern aufgekommen wäre, wäre ohne weiteres zu meistern gewesen.

Selbstverständlich muss Sarkeesian nicht auf einmal eine Ausbildung zur Filmfachkraft abgeschlossen haben, aber sie kann bei dem Budget Personen engagieren, die ihr bei der Technik helfen. Übliches Prozedere bei Produktionen, die eine größere Dimension als einen kleinen TV-Beitrag haben. Da das Projekt weltweit einem großem Publikum gezeigt wird, hätten sich allein schon Studenten wahrscheinlich händeringend um den Job beworben. Es wäre ein dankbarer Portfolio-Eintrag in der Vita der Assistenten geworden.

Albern ist vielmehr trotz des durchschlagenden Erfolgs eisern bei dem Frontalunterrichts-Stil zu bleiben und didaktische Chancen regelrecht in den Wind zu schießen. Selbstredend kann Sarkeesian machen was sie möchte; sie ist keinerlei Verpflichtung eingegangen, wie der Artikel richtig aufgewiesen hat. Trotzdem verstehe ich gerade bei einem Herzensprojekt wie diesem hier nicht, warum mit Händen und Füßen die 1-Mann/Frau-Show verteidigt wird. Den Symphatien Sarkeesian gegenüber zum Trotz muss man sich schließlich am Ende fragen, was sinnvoller für die Vermittlung des Inhalts gewesen wäre.

Ich sehe das wie Joe: Das viele Geld, das Sarkeesian bekommen hat, war nicht unbedingt nur als Arbeitsauftrag gemeint, sondern als Rückendeckung und Signal, dass neben den ganzen Idioten auch eine große Menge von Menschen guten Willens da sind. Und angesichts der rauen Mengen an nach wie vor geifernden Vollhonks, die sie und ihr Projekt hassen, weil sie zu kleine Penisse haben, ist es doppelt schwierig, ihr vorzuwerfen, dass sie das gemacht hat, was angekündigt war - und nicht mehr. 

Bens und Michas Wortmeldungen zum Thema waren dabei ja wahrlich nur die wohlklingende, zivile, legitime Spitze des dunkel geifernden Eisbergs, der da durch die Foren dümpelt und dem jedes ARgument recht ist, um Sarkeesians Projekt zu diffamieren. Das sollte ihr Projekt jetzt nicht unkritisierbar werden lassen - ich selber hätte auch etwas weniger Statik begrüßt -, aber es muss halt trotzdem mitbedacht werden, wem man Munition liefert.

Darüberhinaus gibt's ja erst Teil 1 - wie das Ganze dann tatsächlich am Ende der Serie aussieht, lässt sich ja noch nicht seriös sagen. Ich würde mir wünschen, dass Sarkeesian mit dem Überschussgeld eventuell Infomaterial und ihre Serie gesammelt auf DVD produziert und medial auch außerhalb der Games-Kreise promotet. Wenn sie's nicht macht und damit ein Auto finanziert, störts mich aber auch nicht - ich vergönn ihr das als Schmerzengeld.

Ich möchte ja auch niemandem unterstellen, dass er Sarkeesian aus den falschen Gründen kritisiert, nach wie vor ist es legitim sie oder ihr Format einfach nicht zu mögen. Nur macht es einem die völlig übertriebene Reaktion der breiten Masse doch schwer, zu ihr eine gemäßigt negative Einstellung zu haben, ohne in den Dunstkreis problematischer Kommentare zu geraten. Die ständige Diskussion, der ich mich jetzt auch selber hingegeben habe, sorgt quasi dafür, dass sie nach Maßstäben beurteilt wird, die man an kaum einen anderen Filmemacher, Medien- oder auch Spielekritiker anlegen würde, zu sehen in der ständigen Fragerei nach ihrer akademischen Qualifikation oder ihrem Hintergrund als Spielerin (ca. "Ist sie denn auch wirklich eine von uns?").

Es ist eine schwierige Lage. Liefert sie nur die paar Videos ab, wirft man ihr berechtigterweise fehlenden Ehrgeiz vor, aber über ihre ursprünglichen Pläne hinauszugehen ist nicht nur aus rechtlicher Sicht verworren, wahrscheinlich würde man ihr in dem Fall auch vorwerfen, dass sie sich wieder wichtiger macht als sie ist. Der Eindruck entsteht meiner Meinung nach aber nicht etwa weil sie sich selbst inszeniert, sondern weil das alle anderen machen, im Positiven wie im Negativen. Zu ihr will eben jeder seine Meinung abgeben, und dabei wird sie auf die eine oder die andere Art zum Symbol stilisiert, entweder zur bösen Männerhasserin oder zur kämpfenden Feminista. Klar, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt, aber für die bleibt keine Zeit wenn man die Idiotenfraktion der Gegenseite anschreien muss (und bestimmt haben auch bei dieser Kontroverse beide Seiten Idioten vorzuweisen, auch wenn eine Partei dabei weit vorne zu liegen scheint).

Dass sie unter diesen Bedingungen nicht noch mehr leisten will als sie ohnehin schon leistet, kann ich verstehen. Vielleicht kommt ja noch was, die Serie dürfte aber auch so nett werden. Vielleicht hätte sie mehr aus dem Geld machen können, aber nur weil man eine Gelegenheit geboten bekommt muss das eben nicht heißen, dass man auch willens oder qualifiziert ist sie zu ergreifen. Ich etwa schreibe mit Vergnügen solche Kommentare, wenn mir morgen jemand einen Koffer voll Geld bieten würde, um mal was längeres über Sexismus in Spielerkreisen zu schreiben, könnte ich dem Vorschlag nur mit stummer Verwirrung begegnen.

Schwierige Geschichte. Vermutlich hat man selbst ein etwas schlechtes Gewissen, wenn man deutlich mehr bekommt, als man eigentlich gefordert hat. Aber letztendlich muss man erst mal "nur" das abliefern, was man versprochen hat. Alles weitere ist ein Bonus. Wenn man mehr bekommt ist das ein schönes Zeichen, verpflichtet aber zu nichts.

Wenn ich heute sage: Ich schreibe ein Buch, wenn ihr mir 2.000 Euro bezahlt und ich am Ende 10.000 Euro bekomme, dann zeigt mir das, dass mehr Interesse am Buch besteht, als ich zunächst gedacht hatte. Vor allem bedeutet das aber auch, dass ich mit dem etwas verdiene, was ich schon immer mal machen wollte. Gut, ich würde vom Plus vermutlich einen professionellen Lektor o.ä. engagieren, aber letztendlich würde ich das Geld auch "für mich" nutzen. Ein paar Monate nicht über die Miete nachdenken? Ist doch eine schöne Vorstellung. Dies nicht zu dürfen, nur weil das Geld VOR Projektfertigstellung abgegeben wurde halte ich für falsch.

Letztendlich kann ich aber die (freundliche) Kritik, die hier zum Beispiel genannt wurde, auch nachvollziehen. Bessere Qualität, andere Inszenierung und so weiter geht immer. Nur sollte man es nicht einfordern.

Ich frage mich, wie viele derer, die das Festhalten an Format und Umfang bei Sarkeesian trotz höheren Budgets kritisieren, auch tatsächlich etwas für das Projekt bezahlt haben. Ich behaupte mal: der geringste Teil. Vielmehr dürfte es eher Futter für die Kritiker ihrer Person sein. Nur, wer nichts bezahlt hat, hat noch weniger ein Recht, hier zu kritisieren, als jemand, der bezahlt hat. Letzten Endes wird sie das liefern, was sie zugesagt hat und sie kann auch nichts dafür, dass sie so viel mehr Geld bekommen hat, als sie brauchte. 

Was das "overfunding" bei Spielen angeht: Die meisten Spiele dürften Kickstarter nur als einen Teil der Finanzierung nutzen. Oft genug wird da sicher aus anderen Quellen noch Geld kommen bzw. gekommen sein, und sei es auch dem Vermögen des Herstellers. Deswegen wird in den wenigsten Fällen irgendjemand auf einmal in Geld schwimmen und nicht mehr wissen, wohin mit der ganzen Kohle. 

 

 

Neulich beim Videoabend mit Freunden:

"Und, wie fandest Du den Film?"
"Blöd. Viel zu vorhersehbar, die Ausstattung war irgendwie billig und dieser Twist am Ende ... neee."
"Also ich fand ihn gut."
"Echt jetzt? Ich könnte dir noch tausend andere Gründe nennen, um dich umzustimmen."
"Ja gut, aber das darfst Du eh nicht. Hast kein Recht dazu."
"Hä, wieso?"
"Na, ich hab den Film bei Amazon bestellt und bezahlt; also hab ich ja wohl viel eher das Recht den zu kritisieren oder nicht."
"Äh ..."

Unpassender Vergleich. Es gibt einen Unterschied zwischen einem Investor und einem Kunden. Wenn Du den Vergleich wirklich ziehen willst, müsstest Du beim Budget eines Films ansetzen. Und auch hier bestimmt in erster Linie der Investor, ob seine Kohle sinnvoll verwendet wurde oder nicht.

Es ging außerdem nicht um das Recht, einen Film bzw. Sarkeesians Machwerk zu kritisieren, sondern die Verwendung der Mittel. 

Xanija sagt es eigentlich schon, der Vergleich zum Käufer oder Nichtkäufer kommerzieller Massenware hinkt, weil hier das Publikum nicht etwa zufällig über eine Videoserie stolpert, sondern diese extra bestellt. Es ist eher, als würde man ein Portrait in Auftrag geben: Etwas komisch, wenn Außenstehende sich darüber mokieren, dass für das Geld doch wohl noch ein viel schöneres Bild drin gewesen wäre, vielleicht sogar eine Statue in Überlebensgröße. Du darfst das Resultat gern scheiße finden, aber ob es sein Geld wert war entscheiden letztlich die Auftraggeber.

Auftraggeber? Liebe Leute, sie hat die Serie ANGEBOTEN! Und wenn ihr wirklich davon ausgeht, dass außer der 7000 Personen, die Saarkesian mit Geld unterstützt haben, sich niemand zu der Form des Formats äußern darf ... na, dann gute Nacht. Eine interessante Art mit der Meinungsfreiheit umzugehen. Unterstützung kann man auch auf anderen Wegen vermitteln, etwa, indem man in Artikeln kritisch mit dem Material umgeht und Verbesserungsvorschläge macht. Das Recht dazu muss ich mir nicht erst kaufen. Was ist denn mit Personen, die von der Kampagne erst später Wind bekommen haben? Dürfen die jetzt nicht mehr mitreden, weil sie den Zug verpasst haben? Merkt ihr selbst, ne?

In Medien bestimmt die Darbietung, also die gesamte Gestaltung, auch unmittelbar den Inhalt. Immer, jederzeit, ohne Ausnahme. Schnitt, Audiokommentar, Kadrage. Das ist alles unglaublich wichtig und ist stellvertretend für die Haltung der jeweiligen Autoren. Die audiovisuelle Sprache vom Film ist gleichzeitig Statement der Macher und veranschaulicht deren Gedankengang, und nichts, wirklich nichts ist da willkürlich. Wer glaubt, das sei nur Kosmetik, hat entweder das Medium nicht begriffen oder läuft mit gesenkten Augen durch eine mediale Welt.

Selbstverständlich sind es die Backer, die sich über IHR Geld ärgern dürfen oder nicht. Aber die Serie soll doch mehr als nur die Unterstützer ansprechen? Eine Botschaft an viele andere, vor allem an die Industrie senden? 

Der Beißreflex ist bedenklich. Wenn sachliche, gut gemeinte Kritik außerhalb einer eingeschworenen Gruppe geäußert wird und diese gleich abwinkt: "Nee, wir haben bezahlt und finden´s gut so." Wozu dann die Diskussion führen? Wozu dann damit an die Öffentlichkeit gehen? Wenn Anitas Reihe mehr sein soll als bloße Selbstbestätigung, dann muss sich meiner Meinung etwas tun.

So abwägig ist der DVD-Abend vergleich insofern nicht. Der Käufer des Films hat auch investiert, nicht unmittelbar in das aktuelle Werk, aber in Fortsetzungen oder andere Filmprojekte der jeweiligen Studios/Verleihe. Wird dies erfolgreich, kommende andere Arbeiten in dieser Richtung nach. Aber ja, ein anderes Beispiel wäre treffender gewesen.

Nachtrag: Nicht zu vergessen, dass auch Zeit investiert wird. Ein wertvolles Gut. Es zeugt zudem von Interesse und Aufmerksamkeit. 

Vielleicht drück ich mich ja undeutlich aus, aber mir scheint doch, dass ich bereits mehrmals festgestellt habe, dass man eben schon eine (negative) Meinung zu ihrem Video haben und vortragen darf. Problematisch ist dabei nur, dass Kritik am Inhalt fast überall mit Kritik an der Finanzierung und Verwendung der Mittel verknüpft wird. Natürlich sind Format und Aufmachung teil des Gesamtpakets, an dem man Kritik üben kann, nur gleichzeitig mutzumaßen, was für die Summe auch noch alles möglich gewesen wäre, geht ein bisschen darüber hinaus. Der Tonfall schwingt dabei in der Regel von sachlicher Diskussion zu wohlmeinder "Also ich an ihrer Stelle..." Analyse um.

"Mehr wäre nett" ist eben etwas anderes als "Es wäre mehr dringewesen", und derartige Beiträge sind, wenn auch meiner Meinung nach bereits übertrieben zynisch, noch völlig harmlos im Vergleich zu extremeren Meinungen die auf Reddit und vergleichbaren Foren herumdümpeln: "Unless she spends every single cent of that money on the project, she's a scammer." Originalzitat Escapistnutzer der bei mir leider nicht namentlich hängengeblieben ist.

Was ich von der bisher vorgetragenen legitimen Kritik halte ist ein anderes Thema, diesmal gings mir um das scheinbar missverstandene Geschäftsmodell.

Selbstverständlich sind es die Backer, die sich über IHR Geld ärgern dürfen oder nicht.

Darum und um nichts anderes ging es mir. Es hat sonst niemand anderen zu interessieren. Die Backer brauchen auch keine Anwälte, die stellvertretend für sie sagen, dass sie mehr für's Geld hätten kriegen können. Und das war meine ursprüngliche Fragestellung: Wer macht hier wohl hauptsächlich Wind um dieses Thema? Die, die das Projekt finanziert haben oder andere, die sowieso eine negative Meinung zu Sarkeesian haben? Ich weiß es natürlich nicht, aber es ist fast naheliegend, dass die meisten, die sich darüber aufregen, gar keinen "Schaden" haben.  

Und ganz nebenbei: Ich bin keineswegs gleicher Meinung wie sie und halte die Art und Weise, wie sie argumentiert, absolut einseitig. Allerdings interessiert es mich auch ungefähr so viel, wie wenn in China der berühmte Sack Reis umfällt. Schlimm finde ich allerdings so manche Reaktionen, die ihr mehr Bestätigung und Aufmerksamkeit verschaffen, als sie verdient hat.

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