Neubeginn: Civilization

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Das ist ein Beitrag zu Zockwork Oranges "52 Games"-Projekt, in dem pro Woche ein Text zu einem bestimmten Thema zu einem frei wählbaren Spiel gefragt ist. Thema Woche 1: Neubeginn. "Start New Game"  - wenn's doch so einfach wäre.

Es ist ein bescheidener Anfang, 4000 Jahre vor Christus. Ein einsamer Siedler steht hier, mitten im Dschungel, umgeben vom Nachtschwarz des Unbekannten, mitten in einer Landschaft, die ich erst nach und nach rundum erforschen und aufdecken werde. Im Westen erkenne ich ein Gebirgsmassiv, im Süden mündet ein Fluss in ein größeres Gewässer. In einen See? In den Ozean? Mein Späher wagt sich als Erster voran und entdeckt, dass es direkt hier, an der Küste, reiche Fischvorkommen und saftige Weiden gibt. So sei es: Hier siedele ich mich an, errichte ich meine erste, die erste Stadt. Hier ist sie nun, die Heimstätte meines Imperiums, das vielleicht sechs Jahrtausende und Dutzende Spielstunden überdauern wird. Es könnte das Morgendämmern eines Reiches sein, das irgendwann, wer weiß, die ganze Welt umspannen, Atome spalten, den Planeten verlassen wird.

Es gibt viel zu tun in den Anfangsphasen jedes Teils der Civilization-Reihe, und doch ist es stets jedesmal anders, jedesmal einzigartig, jedesmal neu. Es sind die ersten Male: Mein erster Arbeiter, der mühsam die ersten Wiesen in Ackerland umwandelt. Mein erster Krieger, den ich ausschicke, um das Dunkel der Karte rundum aufzudecken. Meine erste Kornkammer, mein erster Tempel. Mein erster selbst gebauter Siedler, den ich meiner nur langsam wachsenden Bevölkerung abtrotze, der sich nur wenige Felder entfernt, nahe den mineralreichen Bergen ansiedeln soll, um die zweite Stadt zu gründen.

Meine erste Schlacht mit Barbarenstämmen. Meine erste wissenschaftliche Entdeckung. Und der erste Kontakt mit einer der anderen Zivilisationen, die sich irgendwo da draußen auf der unerforschten Weltkarte verstecken. Hoffentlich nicht zu nahe.

Irgendwann, viele Jahrhunderte, viele Spielstunden später, wenn ich dabei bin, meine zur riesigen Metropole herangewachsene Hauptstadt durch Schienen mit den anderen Städten meines Reichs zu verbinden, wenn ich die Schäden der Industrie von den Äckern entferne, wenn ich meine Kanonenboote am anderen Ende der Welt befehlige, wenn ich verbissen im Rüstungswettlauf mit den Amerikanern, Briten oder Azteken stecke, werde ich an diese Zeit des Beginns zurückdenken, als alles noch so klar war, so einfach und unbekannt. Ich werde Dutzende Einheiten managen, meine Technologieführerschaft verteidigen und überlegen, wie ich meine Konkurrenten und Handelspartner gegeneinander ausspielen kann.

Und ich werde seufzen und mich nach einfacheren Zeiten zurücksehnen, in denen das Schwarz des Unerforschten noch alle Möglichkeiten versprach. Als ich nicht wusste, wie die Kontinente beschaffen sind. Wo die umkämpften Ressourcen lagern. Wo die erbittert umkämpften Grenzen zu meinen Rivalen verlaufen.

Und vielleicht verlasse ich dann einfach diese hektischen modernen Zeiten, werfe einen letzten Blick auf das Chaos aus Straßen, Waffen, Politik und Überbevölkerung, gehe ins Hauptmenü und beginne ganz von vorne, mit einem neuen Siedler, einer neuen Welt, neuen Möglichkeiten.

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. 

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Kommentare

Echt klasse geschrieben und schon jetzt eines meiner Projekt-Highlights. Freue mich auf mehr von Dir.

Gott, eigentlich wollte ich schon vor zwei Wochen darauf antworten, und erklären, wie dieser Moment in meinen Civ-Spielen tatsächlich immer enorm schwierig weil, ich mich einfach nie auf die ludisch-mechanistische Sichtweise einlassen konnte. Ich konnte nie den günstigsten Ort für die Siedlung aufbauen, sondern habe ihn immer nach ästhetischen Standpunkten gewählt, im Sinne von: "Möchte ich da leben? Möchte ich, dass hier meine Kinder und Kindeskinder und Kindeskindeskinder gross werden, und, so Gott will, mit einem Katapult ein Dampfschiff versenken?" Unnötig zu sagen, dass sich mein Volk meistens nur an mich als "den Nutzlosen" oder "den Versager" erinnert hat. (Und dass mein letztes Civ Teil 2 war.)

Aber ja, jedenfalls einer der wichtigen, immer neuen Neubeginne. Schön erkannt.

Für mich wars auch ähnlich: Bis zu dem Moment, wo ich mich mit Strategie, also festen Vorgaben, was zu erreichen ist, an Civ gesetzt habe, war die Magie der ersten Spiele verflogen. Vor allem durch die REX-Strategie (Rapid Early Expansion) - so spammt man zwar spielerisch höchst erfolgreich SIedler und Kulturpunkte, aber Spaß machts erst, wenn man das Ganze mit Emotion und Unvernunft betrachtet. ;-)

 

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