Spiel des Monats: Nachbarschaft

Ein Spiel wie Sunless Sea ist ein Fest für Freunde der Literatur - und zitiert, wenn ich unserer Diskussionsrunde am Freitag vorgreifen und Joe zitieren darf, “eher Stile und Motive als einzelne Werke”. Trotzdem - oder gerade deshalb - hier ein dieses Mal besonders literarischer Streifzug durch die Nachbarschaft, in dem ich auch etwas weiter ausholen werde. Im Sinne der VGT-Serie Herunterfahren also eine kurze Abkehr von digitaler Unterhaltung und ein Blick auf die Abenteuer zwischen zwei Buchdeckeln - wer Sunless Sea liebt, lässt sich auch von Literatur nicht abschrecken.

Anspruch auf Vollständigkeit wird naturgemäß keiner erhoben - weiteres Nachbarschaftliches soll und kann in den Kommentaren gerne nachgetragen werden.

Wer meint, Sunless Sea sei mit dem Buzzword “Steampunk” ausreichend beschrieben, möge ein paar Expeditionen zu den Originalen wagen. Jules Verne, der Großvater der Science-Fiction, ist als Ideengeber des inzwischen zur Hipsterei herabgestiegenen Subgenres immer noch essentiell (und zum Teil weitaus origineller als der xte Steampunk-Aufwasch).

“Reise zum Mittelpunkt der Erde” (1864) ( hier zum Download ) eignet sich gut als Bettlektüre für den literarisch interessierten Sunless Sea-Freund: Der Abstieg in eine gewaltige Unterwelt durch den Krater eines isländischen Vulkans führt die Abenteurer zu riesigen Pilzlandschaften und urzeitlichen Sauriern, bevor es im sizilianischen Stromboli wieder ans Tageslicht geht.

Freunde der Seefahrt - und sind wir das nicht alle? - seien hingegen auf den Klassiker “20.000 Meilen unter dem Meer” (1870) ( hier zum Download ) verwiesen - um Missverständnisse zu vermeiden: Die 20.000 Meilen geht’s nicht, wie von meinem kindlichen Geist unhinterfragt angenommen, senkrecht nach unten, sondern sie werden als Strecke zurückgelegt. Kapitän Nemo und sein Uboot, die Nautilus, sind Prototypen der Popkultur - in diesem Zusammenhang sei auch gleich Alan Moores großartige Graphic-Novel-Serie “The League of Extraordinary Gentlemen” genannt (nicht der Film! NICHT DER FILM!), die den indischen Prinzen Nemo als technokratischen Terroristen umdeutet.

An dieser Stelle ist ein kurzer Schwenk zu einem anderen großen, vielleicht gar zum größten Autor der Gothic Novel angebracht: Edgar Allen Poes einziger Roman “Der Bericht des Arthur Gordon Pym” ( hier zum Download ) , schon 1838 veröffentlicht, ist sozusagen eine Urzelle des unheimlichen Seefahrerromans - ein auch für moderne Leser fesselndes, bis zum enigmatischen Schluss verstörendes Faszinosum. Kein Wunder, dass sich Vielschreiber Jules Verne sogar dazu veranlasst sah, mit “Die Eissphinx” (1897) ( hier zum Download ) einen inoffiziellen Nachfolgeroman zu schreiben, der jedoch dem dunklen Original Poes nicht das Wasser reichen kann.

Natürlich führt diese Linie schnurstracks zum größten Kultliteraten des Unheimlichen, dem in der Popkultur bis zur Unkenntlichkeit überwuzelten Eremiten Howard Philips Lovecraft . Wer den Menschenfeind Lovecraft, der zeit seines Lebens nur in Pulp-Heften veröffentlichte, nur von seinen Epigonen und Popreferenzen kennt, sollte zumindest die Kurzgeschichten “The Call of Cthulhu” (1926) und “At the Mountains of Madness” (1931) gelesen haben (hier und hier als pdfs.) Wer einen modernen Blick auf Lovecrafts misanthrope Welt werfen möchte, sei auf Michel Houellebecqs Essay “Gegen die Welt. Gegen das Leben.” verwiesen.

Ein weiterer Einfluss auf die sprühende Fantasie der Autoren von Sunless Sea war zweifelsohne Edgar Rice Burroughs . Der “Tarzan”-Schöpfer hat mit seinem “Pellucidar”-Zyklus (ab 1914) eine ganze Reihe von Romanen über eine Welt unter der Erdoberfläche verfasst - hier bei Projekt Gutenberg.

Um das Lesevergnügen - und die direkten oder indirekten Inspirationen von Sunless Sea, oder aber Startpunkte für etwaige Verwandtschaften - ein wenig näher an die Jetztzeit zu rücken, ein Verweis auf einen der spannendsten Phantastik-Autoren der Gegenwart: Jeff VanderMeer ist als Vertreter und Editor des New Weird ein absoluter Pflichtautor für von Sunless Sea inspirierte Leser. Sein Buch “City of Saints and Madmen” sowie die weiteren Romane, die im Umfeld seiner fiktiven Stadt Ambergris spielen, könnten sich direkt im Ideenfundus der dunklen Ozeane von Sunless Sea ansiedeln lassen.

Für Freunde moderner maritimer Phantastik essentiell hingegen ist auch China Mievilles “The Scar” (2003) , das fast zur Gänze auf See - oder darunter - spielt: in einer riesigen, schwimmenden Stadt, die dem Einfallsreichtum der Fallen London-Macher sicher auch auf die eine oder andere Art Pate gestanden hat.

Wer sich übrigens in Sunless Sea an den nördlichsten Ecken der Karte ins ewige Eis und seine Schrecken verliebt hat, möge Dan Simmons “The Terror” (2007) zur Hand nehmen. Die historische Todesfahrt der HMS Terror, die bei der Suche nach der Nordwestpassage im Eis des Polarmeeres verschwand, ist hier der Ausgangspunkt für eine klirrend kalte phantastische Reise in die kalte See.

Was fehlt? Natürlich vieles - auch Großes, wie “Moby Dick” oder “Treasure Island”. 220 Seefahrerromane listet übrigens Goodreads , und auch Literatur zur Welt unter der Erde findet sich auf Wikipedia umfassend erfasst.

Doch kein Resignieren angesichts dieser Fülle, Matrose! Wer die Viertelmillion Wörter in Sunless Sea gestemmt hat, braucht vor den Leviathanen der Literatur keine Angst mehr haben.

Die Illustrationen sind Ausschnitte aus dem fantastischen Leporello "Worse Things Happen At Sea" von Kelly Strom.

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