VGT goes GameStandard: Best of Indie Februar 2014

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Die monatliche Kooperation mit dem GameStandard zeigt wieder ein Best-of der schönsten Indie-Games-News.

Es ist so etwas wie eine Renaissance des Einzelkämpfertums: Seit Ende der Achtzigerjahre galt die Binsenweisheit, dass Spiele mit ihrer rasant zunehmenden Komplexität nie wieder das Werk einzelner Entwickler sein würden, wie es in der Frühzeit des Mediums gang und gäbe war. Spieldesign, Programmierung, Grafik, Audio, Story, Modelling, Vertrieb - Videospiele, so meinte man, vereinen derart viele unterschiedliche Disziplinen, dass nur mehrköpfige Teams diesem Medium gerecht werden könnten.

Jahrelang war es auch so, und mit der Anzahl der Köpfe in den großen Studios wuchsen auch die Budgets - und die Fallhöhe. Dass Ken Levine sein großes und letztlich auch erfolgreiches Studio Irrational Games freiwillig zerlegt, weil er in Zukunft lieber wieder ganz kleinteilig arbeiten möchte, ist ebenso Symptom einer Gegenbewegung wie die vielen beeindruckenden Indie-Spiele, die von Einzelnen geschaffen werden. Dank günstig und universal verfügbarer Tools wie Unity, GameMaker oder Unreal Development Kit kann man sich viel trockene Programmierarbeit ersparen, lockere Kollaborationen mit Musikern und Grafikern verwirklichen in  einer Art digitaler Bohème Spielprojekte, die es oft auch mit den Großen aufnehmen können. Aktuell zeigen etwa "NaissanceE" und "Banished", was einzelne Entwickler leisten können.

Gemeinsam mit vielen ehemaligen AAA-Entwicklern, die auch aus Implosionen wie aktuell jener von Irrational nolens volens in die Unabhängigkeit drängen, ergeben Einzelkämpfer, mittlere und größere Indies eine Szene, die inzwischen ein mehr als vitales Gegenmodell zum traditionellen Publishermodell darstellt. Wie lange "Indie" als Beschreibung noch überhaupt Aussagekraft hat, ist ungewiss - wir halten uns hier an unsere altbekannte "Universaldefinition". Zur Erinnerung: Ein Indie-Game ist jedes Spiel, das (a) von Anfang bis Ende ohne den Einfluss eines Publishers oder Lizenzgebers fertiggestellt und (b) von einem einzelnen Entwickler oder einem kleinen Team erstellt wurde.

Die bemerkenswertesten Spiele aus just diesem konstant wachsenden Pool sind hier: Best of Indie im Februar.

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NaissanceE (Windows, Mac - 14,99 Euro)

Das First-Person-Exploration-Spiel "NaissanceE" ist ein Fest für alle Sinne.  Ganz ohne Waffen sucht man hier in einer geheimnisvollen SF-Architektur den Ausgang, löst so manche kleinere Rätsel mit Licht und Schatten und fühlt sich, in den titanischen Architekturen zum Zwerg geschrumpft, melancholisch einsam. Man nehme die berühmten Kerker des Renaissance-Architekten Giovanni Battista Piranesi, die gehirnverknotenden Konstruktionen MC Eschers, die monumentalen Science-Fiction-Designs von Film- und Ausstattungsklassikern wie "THX1138", "Cube", "2001 - Odyssee im Weltraum", "Alien" oder "Bladerunner", die im Kopf entstehenden gigantischen Höhlenwelten aus "House of Leaves", "Blame!"  und Borges' "Bibliothek von Babel" und unterlege diese Reise durch eine brutalistische Mega-Architektur mit dem feinstem Ambient-Soundtrack seit Aphex Twins "Selected Ambient Works II" - voilà, das ist "NaissanceE".

Kaum ein Spiel beeindruckt so nachhaltig durch seine Ästhetik wie das Werk des französischen Entwicklers Mavros Sedeño. Wären da nicht einige auch hartgesottene Spieleprofis durch ihren knüppelharten Schwierigkeitsgrad herausfordernde Sprungpassagen, man könnte das optisch, akustisch und atmosphärisch beeindruckende Spiel als Gesamtkunstwerk an beliebige an moderner Kunst interessierte Zeitgenossen ganz ohne Spielbezug verschenken. Ein faszinierendes, ambitioniertes, an manchen, einzelnen Stellen leider zum Ins-Keyboard-Beißen schwieriges Prachtstück von Spiel. Trotzdem: Unbedingte Empfehlung!

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Banished (Windows - 18,99 Euro)

Heiß erwartet und mit seiner Downloadgröße von mageren 100 MB ein Beweis dafür, dass größer nicht immer besser ist: "Banished" ist so etwas wie ein Konzentrat des Aufbauspielgenres, verknüpft mit einer gehörigen Portion Überlebenskampf. Aufgabe des Spielers ist es, einer Handvoll Verbannter mitten in der Wildnis ein neues Zuhause zu errichten und dabei Hunger, Kälte sowie so mancher Naturkatastrophe zu trotzen. Bäume fällen, Rohstoffe sammeln, Häuser, Werkstätten und größere Gebäude bauen - selten war die Errichtung seiner eigenen kleinen Stadt hübscher und befriedigender. Dass das User Interface etwas sehr kleinteilig geraten ist, verschmerzt man angesichts der klassischen Tugenden: Gegner gibt's ebensowenig wie Micropayments, aufgezwungene Multiplayer-Komponente oder aufgeblähte Zusatz-"Features".

Mit "Banished" erhalten Freunde des Genres schlicht und einfach einen wunderschön anzusehenden, charmanten Aufbaustrategiespielsandkasten, wie sie ihn sich wünschen: geradlinig, ausgefeilt, aber zugleich fordernd und motivierend. "Banished" macht alles richtig, was die "Großen" falsch gemacht haben (hallo, EA!). Städtebaufreunde und Aufbau-Fans erwartet ein wahrer Leckerbissen mit Riesenportion Atmosphäre und originellem Survival-Fokus.

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Jazzpunk (Windows, Mac, Linux - 13,99 Euro)

Es ist gar nicht so einfach, Spiele zu finden, die Humor als zentrales Spielelement verwenden - seit der goldenen Zeit des Grafikadventures haben es nur wenige Spiele geschafft, tatsächlich (und mit Absicht!) lustig zu sein. "Jazzpunk" versucht es nun mit der Maxime "Mehr ist mehr": Bei der schieren Menge an Gags, mit denen man als Spieler dieser sehr schrägen Melange aus Cyberpunk-Agenten-Noir-Thriller und überdrehter Brachialkomödie à la "Nackte Kanone" bombardiert wird, dürfte für jeden Geschmack etwas dabei sein. Beeindruckend ist hier vor allem die Bandbreite und Abwechslung: Im Minutentakt wird man mit mehr oder weniger genialen Wortwitzen, Hommagen an Film- und Spielklassiker und absurden Minispielen überrascht - das Aufspüren all der kleinen Gags, Pointen und absurden Witze macht somit auch den Hauptreiz dieses denkwürdigen Adventures mit Minispieleinlagen aus.

Die feine Klinge sucht man zwar vergebens, doch Spaß hat man mit diesem optisch und musikalisch durchwegs gelungenen Lachsack von Spiel auf jeden Fall.

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Octodad: Dadliest Catch (Windows, Mac, Linux, PS4 - 13,99 Euro)

Apropos Spaß: An Absurdität ist die Ausgangssituation von "Octodad" kaum zu übertreffen. Als Oktopus führt man unerkannt ein Doppelleben als liebender Ehemann und Familienvater - schräger geht es zugegeben kaum.  Der Clou ist die Steuerung des freundlichen wirbellosen Helden: Die Koordination der Gliedmaßen stellt wie in den Indie-Klassikern "QWOP" oder "Surgeon Simulator 2013" vor große Herausforderungen, denn die halbwegs sinnvolle Bewegung der Fang- und Greifarme fordert den Spielern - einzeln oder im Koop-Modus - einiges an Feinmotorik und Geduld ab. Dass Octodad trotz aller Vorsicht dank dieser verschärften Fortbewegungsherausforderungen stets eine Bahn der Verwüstung durch sein ansonsten erschütternd normales Familienleben zieht, ist eine Pointe, die angesichts höchst witziger Slapstick-Einlagen nicht langweilig wird.

Während PS4-Besitzer noch ein paar Wochen auf dieses haarsträubende Slapstick-Abenteuer warten müssen, können PC- und Mac-Spieler bereits jetzt mit den Herausforderungen des Lebens als Kopffüßer in der Welt der Vorstadtbewohner Bekanntschaft machen.

 
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Drunken Robot Pornography (Windows - 13,99 Euro)

Der Titel klingt nach Scherz, und das Spiel selbst hat mit ALkohol und Schmuddelei aber auch gar nichts zu tun. Stattdessen verbindet der knallbunte Titel kurzweilige 3D-Shmup-Ästhetik der Marke "Bullet Hell" mit Arena-Shooter-Mechanik in der Tradition von "Quake" - und das alles in einem Rausch von Farben, Explosionen und Soundgewitter. Der in der fröhlich-wirren Rahmenhandlung aufblitzende SF-Humor spielt hinter diesem Gesamterlebnis aus Speed, Wumms und ganz viel Farbe nur die zweite Geige, vielmehr geht es den Machern des abstrakten Freefall-Hits "AAAaaaAAAaaaa ..." auch hier um ästhetische Überwältigung.

Der Kampf gegen riesenhafte Robotertitanen sowie die immer für gute Laune sorgende großzügige Verwendung von Jetpacks macht "Drunken Robot Pornography" gemeinsam mit guter Editorenanbindung zum kurzweiligen Popcorn-Actionprogramm für Zwischendurch.

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Und sonst?

Mit "Cube & Star: An Arbitrary Love" erwartet Spieler dann auch gleich das Gegengift zum eben empfohlenen hektischen Farb-Overkill, denn in diesem charmanten Ausnahmetitel rollen wir als Würfel durch eine abstrakt-knuddelige Planetoidenwelt, die wir erforschen und mit Farbe verschönern sollen - eine sympathisch-meditative, humorvolle Reise, wenn mal etwas Entspannung angesagt ist.

Wer am Handheld spielt und am liebsten die grauen Zellen anstrengt, wird vielleicht in "Threes" für iOS sein neues Hobby finden; was zu Beginn trügerisch simpel wirkt, wird im Lauf des Spiels zur spannenden Herausforderung. Android-Spieler mögen inzwischen - kein Witz - ihr Herz an "Fives" erfreuen.

Fürs Auge des geneigten Mobile-Indie-Freundes empfiehlt sich ein Blick auf das wunderschöne "Tengami", während Google-Jünger jetzt auch in den Genuss des großartigen "The Room Two" kommen. 

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