Blut, Knochen und Gedärme: Eine kurze Kulturgeschichte des zerstückelten Körpers

Ein aschfahles Gesicht, verkrampfte Hände, eine unnatürlich hervorquellende bläuliche Zunge, ein aufgeschlitzter Bauch, aus dem die Gedärme heraushängen. Blutfontänen ergießen sich in alle Richtungen und tränken den Boden rot. Im aufgerissenen Bauch des Mannes sind Hautfetzen zu erkennen, zerrissene Muskeln, eine auseinandergegangene Lunge. In grausamer Detailverliebtheit wurden Magen und Dickdarm dargestellt, ebenso wie der weißliche Dünndarm, der bis zu den Füßen des sterbenden Mannes herabhängt.

Neue Grauslichkeiten aus der gewaltverherrlichenden Welt der Videospiele? Ein neuer Teaser aus der blutigen Unterwelt von Agony, eine VR-Adaptation von The Evil Within oder gar der jüngste Versuch, aus der Dead-Space-Franchise doch noch etwas Profit zu schlagen? Angesichts der immer realistischeren Darstellungen zerstückelter Menschenkörper nimmt es nicht Wunder, dass unsere Jugend abstumpft und verroht! Wer unter uns kann schon die Wirkung solch grausamer „Gore“-Darstellungen in ihrer ganzen Tragweite ermessen? Was fasziniert die Spieleproduzenten nur so an der detaillierten Darstellung toter und sterbender Körper?

Die Fragen an sich sind berechtigt. In diesem Fall greifen sie aber nicht, denn es handelt sich um ein 400 Jahre altes Ölgemälde: „Das Ende des Judas Ischariot“ aus dem Umkreis von Anthonis van Dyck (1599–1641). Die sehr explizite Darstellung, die sich vor keinem Spielecover verstecken muss, ist dabei kein exotischer Ausnahmefall eines geistig umnebelten Malers. Ähnliche Szenen bietet ein Fresko Giovanni Canavesios aus dem Jahre 1491 in der Kapelle Notre-Dame-des Fontaines sowie der "Guida impiccato" von Pietro Lorenzetti in der Basilika San Francesco in Assisi (um 1310).

Diese und noch viele andere blutrünstige hoch- und spätmittelalterliche Darstellungen entsprechen ganz einfach einer gängigen Ikonografie von Judas‘ Selbstmord und beziehen sich dabei auf die gleiche Bibelstelle aus: „Er hat sich erhenkt und ist mitten entzwei geborsten, und alle seine Eingeweide ausgeschüttet.“ Eine doch recht plastische Beschreibung.

Angesichts der nach wie vor grassierenden Zombie-Mode vergessen wir heute nur zu leicht, dass die morbide Faszination toter zerstückelter Körper keine Ausnahmeerscheinung unserer Zeit ist. Gerade die kirchliche Ikonografie hat da noch einiges zu bieten. Darstellungen der sieben Todsünden und vor allem der entsprechenden Höllenstrafen erfreuten sich ab dem Spätmittelalter großer Beliebtheit. Am bekanntesten dürfte hier die rechte Außentafel von Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“ sein: durchbohrte, verformte, nackte Menschenkörper, abstoßend und anziehend zugleich. Wohin man blickt zerstörte, von Spießen durchbohrte Menschenkörper und abgetrennte Gliedmaßen. Dazwischen immer wieder grausam verfremdete Gebilde, die aus einzelnen zusammengeschweißten Körperteilen zu bestehen scheinen. Das frühneuzeitliche Wimmelbild hat auch heute wenig von seiner Faszination verloren.

Auch in den – im Europa des 16. Jahrhunderts sehr populären – Beststellerbeschreibungen der karibischen Bukaniere finden sich überraschend gore-lastige Textpassagen. So soll der „grausame“ französische Freibeuter Lollonois seinen Gefangenen den Bauch aufgeschlitzt, ihren Darm an den Mast genagelt und sie dann gezwungen haben, bis zum Tode um ebendiesen zu herumtanzen.

Die Attraktion des Gr(a)useligen hat eben eine lange erfolgreiche Geschichte.

Die ambivalente Attraktion des Ekels ist natürlich keine Erfindung des vergleichsweise jungen Zombiegenres, das erst mit dem Spielfilm Anfang des 20. Jahrhunderts Verbreitung fand. Im 16. Jahrhundert verbreitete sich etwa - zeitgleich mit den vermehrten Darstellungen von Totentänzen - "Transi"-Grabplastiken. Es handelt sich um erstaunlich realistische, in Stein gehauene Abbilder der Verstorbenen im Zustand der Verwesung. Verrottendes Fleisch, zerfetzte Haut, Knochen, Würmer und Maden für immer in Stein gefangen künden von der Vergänglichkeit irdischen Reichtums. Der niederländische Historiker Johann Huizinga erklärte in seinem Buch „Herbst des Mittelalters“ die Popularität makabrer Darstellungen des Todes und der Verwesung entsprechend als Reaktion auf einen aufkommenden Materialismus im späten Mittelalter.

Doch bereits in der Antike fanden sogenannte Denkbilder Verbreitung, die menschliche Körper im Zustand der Verwesung oder als Skelette zeigten, weite Verbreitung. Die Attraktion des Gr(a)useligen hat eben eine lange erfolgreiche Geschichte. Sie ist auch keine makabre Eigenheit europäischer Kulturen sondern globales Phänomen wie es die extrem graphischen Kusozu-Aquarelle aus Japan verdeutlichen wie zum Beispiel "Body of a Courtesan in Nine Stages".

So ist es vielleicht nicht mehr ganz so überraschend, dass auch heute abgetrennte Gliedmaßen, herabhängende Hautfetzen, Eiter, Fäulnis, ja alle vorstellbaren Stadien der Verwesung das Publikum faszinieren. Sie sind zentraler Topos des Zombiegenres – das Bild eines entmenschlichten Körpers. Bemerkenswert ist, dass sich der Zombie grundlegend von seinen mythischen Untoten-Vorgängern unterscheidet. Im Gegensatz zum abstrakten Skelett, dem körperlosen Geist und dem (sehr menschlichen) erotischen Reiz der Vampire ist sein zentrale Moment der des Ekels. Der Zombiekörper stößt uns körperlich ab. Unsere reflexartige und unmittelbare körperliche Reaktion auf tote Körper und Bilder der Verwesung hat sich der menschliche Körper über Jahrtausende hin angelernt. Denken wir nur an unsere Abscheu im Angesicht der grotesk aufgeblähten Boomer aus Left4Dead oder der Floater aus Dead Island.

Doch schon alleine der „normale“ Zombie weist alle Zeichen eines fortgeschrittenen Verwesungsprozesses auf: Spuren von Schimmel, Fäulnis und Aasfressern. Er versinnbildlicht mehr noch als andere untote Körper die Zersetzung des menschlichen Körpers. Er steht zugleich für unsere Angst vor dem Tod, aber auch für eine ganz atavistische Furcht vor dem Verlust über unsere Körperkontrolle. Die zersetzten Körper stoßen uns ab und doch können wir unseren Blick nicht von ihnen abwenden. Seinen Reiz bezieht das Zombiebild aus eben dieser Ambivalenz. Vermutlich auch deshalb, weil die ekelhaften Untoten uns – nach Abschalten der Konsole – an die Unversehrtheit des eigenen Körpers erinnern.

Werfen wir angesichts der nun anstehenden Fortsetzung einen Blick auf die „Infizierten“ in The Last of Us. Auch ihre Darstellung funktioniert auf der Ebene der Ambivalenz. Sie unterscheiden sich aber insofern vom gewöhnlichen Zombie, als ihre Dekomposition durch einen Cordyceps-Pilz bedingt ist, also noch unbedingter Assoziation zum Prozess der natürlichen Verwesung erweckt . Über die Zeit – und vier distinkte Entwicklungsstadien – entfremdet er zusehends den menschlichen Körper, bis dieser zu guter Letzt nur noch als vage humanoides Substrat für eine immobile Pilzkolonie dient. Der Reiz der Verformung wird durch das „natürliche“ Aussehen des Pilzes verstärkt. (Hier dürften ähnliche emotionale Mechanismen wirken wie bei H.R. Gigers Zeichnungen.) Der menschliche Körper zersetzt sich nicht nur, er wird von der „Natur“ (zurück-)erobert, von ihr ruiniert – ein Mythos, der in The Last of Us auch auf architektonischer und gesellschaftlicher Ebene funktioniert. Die Zersetzung des Körpers wird zum Sinnbild für das Versagen der Gesellschaft und Politik.

Das Zombiegenre ist an sich politisch - denn auch hier transportiert der zerfallende Körper eine politische Botschaft, eine Warnung.

In der christlichen Ikonografie erfüllte der zerstückelte Körper – als morbide faszinierende Warnung – einen erzieherischen Zweck. Die Auflösung des Körpers war Strafe für Verrat und Sünde, für Abweichung von der Norm. Auch die Memento-Mori-Darstellungen sollten ursprünglich Menschen zu weniger Materialismus erziehen. Und selbst das Zombiegenre ist genuin politisch, wenn auch oft weniger bebwußt pädagogisch ausgerichtet. Nicht nur in der Konsum- und Kapitalismuskritik eines George Romero, sondern auch in augenscheinlich unpolitischsen Zombie-B-Movies und First-Person-Shootern transportiert der zerfallende Körper der Untoten eine politische Botschaft, eine Warnung, denn er erzählt die immergleiche Geschichte vom Versagen unserer Regierungen. Er soll – bewusst oder unbewusst – auf das Unvermögen von Politik und Gesellschaft hinweisen auf eine externe Bedrohung adäquat zu reagieren und transportiert dabei häufig ein versteckt konservatives Wertverständnis der Familie als einzigen gesellschaftlichen Anker. Die natürliche Zersetzung des Körpers als Sinnbild für das Versagen der Gesellschaft und Politik. Denn die Zombies sind immer etwas Natürliches. Die hirntote Masse ist der Triumph der Natur über die Kultur. In dieser vermeintlich einfachen Aussage liegt vielleicht auch der Erfolg des Horror- und insbesondere des Zombiegenres begründet. Die transportierte Botschaft, die wir in unzähligen Spielen mittlerweile unbewusst verinnerlicht haben, hinterfragen wir aber nur im Ausnahmefall - es sind ja nur Zombiespiele. Wer soll denn so etwas ernst nehmen. So sehen wir dann zum Beispiel auch nicht, dass der Boulevard in seiner Berichterstattung über die sogenannte Flüchtlingskrise auf Narrative und Ikonographie des Zombiegenres zurückgreift, wenn wir von einer Flut der Fremden überrannt werden.

Am Ende des Tages, nachdem der Lüftungsventilator unserer Computer und Konsolen aufhört zu surren, gehen wir schlafen und legen uns neben unsere Liebsten mit dem Urvertrauen, dass sie uns im Falle eines Falles nicht im Stich lassen würden – im Gegensatz zur „Politik“, der wir jetzt vielleicht noch ein bisschen weniger vertrauen als vorher.

Es handelt sich beim vorliegenden Essay um eine überarbeitete und erweiterte Fassung eines ursprünglich in WASD #10 erschienen Textes. Auch Eugens Blog freut sich über Besuch.

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