#stayathome 05: Drinnen nach draußen kommen

Zu Hause bleiben und trotzdem andere Welten bereisen? Klingt einfach, ist es aber nicht. Felix Knoke über das Problem mit dem Kinderspiel.

Ich dachte, in der Coronakrise könnte ich meinem Kind endlich das Spielen zeigen. Ich wollte ihn mitnehmen zu den höchsten Gipfeln des Mun, mit ihm durch die Pixellandschaften von Minecraft wandern, unmögliche Maschinen bauen und noch unmöglichere Abenteuer erleben. Ich hatte mir erhofft, dass ihm Spiele die beengte Welt vergrößern und neue, spannendere Welten hinter unserem Wohnzimmer eröffnen würden. Ich konnte kaum darauf warten, dass seine Freunde miteinsteigen würden, oder sogar wir als Familie, mit dem Gamepad in der Hand…

Aber Pustekuchen. Mein Kind ist noch zu klein für Spiele. Sind die Spiele zu interessant, krieg ich es nicht mehr vom Bildschirm. Sind sie zu langweilig, bleibt es zunehmend unglücklicher am Bildschirm kleben. Und nichts, was wir noch anbieten können, reicht an den verbotenen Reiz eines verschlossenen iPads heran. Meistens endet das Spielen also im Streit. Und Streit ist in der Krise, was die Krise schon selbst genug ist.

Dass man die eigenen Kinder nicht spielen lassen will, hatte ich immer als eine Art Schonhaltung erwachsener VideospielerInnen empfunden. Je besser man Videospiele und ihre Mechanismen kennt, desto größer wird die Furcht vor ihnen: dass sie Sucht erzeugen, falsche Rollenbilder vermitteln, Militarismus und Neoliberalismus glorifizieren, politisch meist rechts, intellektuell meist unten und ästhetisch ganz weit hinten stehen. Dass sie dunkle Designmuster gegen uns verwenden und oft so etwas wie Spaß machen, aber bestimmt keine Freude.

Ich spiele oft und viel Videospiele. Besonders liebe ihre entgrenzten Zustände (ja, gerade auch Gewalt), den Flow und ihr unerforschtes Potenzial. Gerade in so einer Zeit der Begrenzung und Verdichtung ermöglichen sie mir die Flucht ins Innere. Aber ich fürchte auch die dunklen Mechanismen der Spiele, die zwanghaften Spiel-Schleifen, die gezielte Frustration, das ewig uneingelöste Versprechen – also genau die verengten Zustände und Zwänge, denen ich entkommen will. Gerade in so einer Zeit der Ohnmacht, scheinen mir Spiele ein Gefühl von Kontrolle zu geben – und das Erfolgserlebnis, etwas, das nur mich etwas angeht, besonders gut zu können. So zu spielen ist keine Flucht sondern Vereinzelung.

Ich kann mein Kind nicht mit Videospielen alleine lassen. Aber ich kann mit ihm zusammen spielen. Hin und wieder darf es eine Gamepad in die Hand nehmen und ein bisschen Motorrad oder Auto in Burnout Paradise fahren. Ich gebe Gas, mein Kind lenkt. Am Handy hat es sich weitgehend selbst beigebracht, mit Space Agency ( Android / iOS ) eine vorgefertigte Rakete zu starten – nur darf es selten ans Handy. Deswegen baue ich und mein Kind startet. Bevor die Rakete im Orbit ist, ist das Spiel langweilig geworden. Nur der Countdown zählt. Am meisten Spielzeit verbringt mein Kind aber mit mir und Kerbal Space Program. Länger als 20 Minuten hält es das nicht aus – und das ist natürlich der Grund, warum wir genau das spielen.

Ein Videospiel ist für mein Kind vor allem ein Spiel ohne weitere narrative oder ästhetische Dimensionen.

Aber 20 Minuten ist nichts, jetzt, wo Bildschirmzeit nicht nur ein Luxus, sondern eine familienhygienische Notwendigkeit ist. Vorm Fernsehen könnte mein Kind stundenlang sitzen. Die hübschen, süßen, poetischen, cleveren Spiele, die einem allenthalben Empfohlen werden, hält es