Was man spielen soll: Where The Water Tastes Like Wine

Eigentlich für den Pile of Fame gedacht, aber jetzt doch ein “Was man spielen soll”.

Manchmal begegnet man Spielen, die eigentlich um Erlaubnis bitten müssten, bevor sie Platz nehmen in der Nische, die man selbst schon seit Jahren bewohnt. Where The Water Tastes Like Wine ist so ein Spie für mich: eine ausufernde Liebeserklärung an die amerikanische Folklore. Ach, drehen wir das Agalliao-Tron gleich auf Anschlag und nennen das Kind beim vielfältigen Namen: Where The Water Tastes Like Wine ist eine Hymne nicht nur auf das Erzählen, sondern auch auf das Zuhören, eine Auseinandersetzung mit dem tausendfachen Ineinandergreifen von Sagen, menschlichen Tragödien, Mythen, Alltagstratsch, Tall Tales, Biographien, Witzen, Urban Legends und der Sprache der Landschaft.

Letztlich zerfällt das Spiel in zwei Teile: Auf der einen Seite steht eine stilisierte 3D-Karte der Vereinigten Staaten von Amerika, die in die Knie gezwungen worden sind von der Große Depression, den mitverursachten Naturkatastrophen, und den Nachwehen des Großen Kriegs; eine Nation, die denkbar weit entfernt ist vom Mythos der Frontier, der unbegrenzten Möglichkeiten und des Landes, in dem Milch und Honig fließen. Nachdem der Teufel in Wolfsgestalt einen buchstäblich bis auf die Knochen ausgenommen hat, durchstreift man dieses Land im gemächlichem WASD-Marsch von Küste zu Küste, von den mythischen Seen des Nordens bis zum von Christus heimgesuchten Süden, und erklickt sich an ausgewählten Landschaftsmarkern den eigentlichen Kern von Where The Water Tastes Like Wine: Begegnungen, Erzählungen, Geschichten, manche von ihnen so banal wie das Aufeinandertreffen mit einem dürstenden Farmer, andere dagegen verteufelt vertraut.

In den Wäldern des Nordens etwa kann man einem beeindruckend kräftigen Holzfäller begegnen, und einer schemenhaften Kreatur von bedrohlichen Ausmaßen. Im Mittleren Westen trifft man, wenn man Glück hat, auf einen Landwirt, der entschlossen ist, der Dürre zu entkommen und sein Glück in anderen Teilen des Landes zu versuchen, während in Texas ein irrer Cowboy in einen aufziehenden Wirbelsturm hineingaloppiert, und in der Gegend vor New York eine dämonische Kreatur um einen verlassenen Landsitz zieht.

"Where The Water Tastes Like Wine" ist ein grandioses, absurd überdimensioniertes Interaktiv-Hörbuch

Rudimentär und unspektakulär beim ersten Zuhören, wachsen diese Geschichten, nachdem man sie herumerzählt hat, über sich hinaus, werden taller und taller, bis sie, gemurmelt von einem rachitischen Kind an einer Tankstelle oder polternd erzählt von einem Lebenskünstler in einer staubigen Bar, plötzlich geworden sind zum wohlig vertrauten, bis heute weitergereichten Material, aus dem hundert Witze und Alpträume gewoben sind.

Ganz im Ernst: Für ein sehr, sehr (sehr sehr) spezifisches Klientel ist dieses gemächlich erwanderte Wo-ist-Walter der US-amerikanischen Folklore nichts weniger als: Intertext-Bingo, Wort-Whac-A-Mole, oder auch: der arschnackte Nervenkitzel. (Wie man in der Gegend, in der dieses spezifische Klientel ansässig ist, sagen würde.) Geschrieben von der Dunkelziffer des unterschätzten Game Writings – unter ihnen Duncan Fyfe, einer der besten Chronisten des alltäglich Absurden in diesem Medium und an seinen Rändern, und Kevin Snow, ausgewiesener Veteran des Game-Gebastles mit Erzähltraditionen –, sind diese auf wenige hundert, höchst evokative Zeichen eingestampfte Vignetten eine schier unablässig nickende Pferdekopfpumpe für den Rohstoff Fantasie. Dass j.e.d.e. e.i.n.z.e.l.n.e. von ihnen zudem gesprochen wird mit der sonoren Stimme von Gordon Matthew Thomas Sumner, aka STING HIMSELF!!!, macht Where The Water Tastes Like Wine zu einem grandiosen, absurd überdimensionierten, Interaktiv-Hörbuch.

Mal ehrlich: Vielleicht hätte es als solches auch besser funktioniert. Als räumlich fokussiertere, americana-isierte Version der sich mit Text ganz zufrieden gebenden Edel-App 80 Days, ungefähr. Vielleicht weiß das Spiel wirklich nicht ganz, wohin mit all dem erzählerischen Übermut. Vielleicht hätte man bei den überdimensionierten Charakteren, die als wesentliches Spielelement an überall über das Land verteilten Lagerfeuern ihre Lebensgeschichte tauschen gegen die aufgesammelten Erzählbruchstücke, dieselben Qualitätsansprüche gelten lassen sollen wie bei den bemerkenswert gelungenen Vignetten. Vielleicht hätte das Tempo, mit dem der Spieler durch die Verlorenen Staaten irrlichtern muss, nicht ganz so kontemplativ sein müssen. Vielleicht hätte man doch besser Chuck Ragan oder Ben Babbitt anheuern sollen für die Tonspur. Vielleicht, vielleicht, vielleicht…

Vielleicht hätte manches davon, oder alles zusammen, Entwickler Johnnemann Nordhagen davor bewahren können, eine weitere Geschichte zu erzählen, die ihrerseits das Zeug zum Mythos hat: Die Cautionary Tale vom Spiel, das seinen Entwickler um 140'000 Dollar gebracht hat.

Denn, unter uns: Natürlich war unsere Nische nie groß genug. Natürlich schreibt sich das Spiel mit seinem endlosen Abspann beteiligter Autoren und Autorinnen, seinen hunderten von Zeichnungen und STING HIMSELF!!! ein in eine andere Erzähltradition – die der grandiosen, pompösen, aus purer Leidenschaft und purem Irrsinn geborenen Irrtümer. Where The Water Tastes Like Wine ist, rundheraus gesagt, eine einzige Fehlkalkulation. Aber, und das ist letztlich schon der halbe Weg zum Happy End: Eben auch eine ganz grandiose.

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