Best of Indie Juni

Zu heiß, um rauszugehen? Die Indie-Highlights der letzten Wochen sorgen drinnen für Beschäftigung. Wie immer zusammengetragen von Golem, FM4 und dem Standard. Viel Spaß!

Rime PS4, Xbox One, Windows 35 Euro.

Eine idyllischere Insel mit dem Mittelmeer-Kontrast von türkisem Meer, sandbraunen Felsen und strahlend weißer Architektur hat man selten gesehen: Im lang erwarteten Action-Adventure Rime sucht ein schiffbrüchiger Junge auf einer menschenleeren Insel voller geheimnisvoller Ruinen nach Antworten. Die Atmosphäre spielt die Hauptrolle in diesem unfassbar hübschen, toll animierten und mit beeindruckendem Orchestersound unterlegten Abenteuer, in dessen Verlauf eine Reihe von abwechslungsreichen, nicht allzu schwierigen Rätseln auf ihre Lösung wartet.

Die großen Vorbilder sind unverkennbar: Rime knüpft an jüngere Kultspiele wie Journey oder The Last Guardian, aber auch an große Legenden wie The Legend of Zelda: Wind Waker an und macht dabei keine schlechte Figur. Den Sprung in diesen schwindelerregenden Olymp der Spielegeschichte schafft es wegen einen Tick zu uninspirierter Rätsel dann doch nicht, doch sei's drum: Hübscher, leichtfüßiger und unterhaltsamer war kaum ein Inseltrip der jüngeren Vergangenheit. Eine etwa sechs Stunden langes Abenteuer, an das man sich nach seinem Ende wie an einen Urlaub gern zurückerinnert. PC-Spieler, Vorsicht: Es gibt Performance-Baustellen, vermutlich wegen des Kopierschutzes.

Tokyo 42 Xbox One, Windows 20 Euro (PS4 in Vorbereitung)

Eine Cyberpunk-Millionenmetropole im quietschbunten Puppenhaus-Look: Tokyo 42 erinnert optisch an den Mobile-Bestseller Monument Valley, orientiert sich spielerisch aber eher am Klassiker Syndicate oder sogar der Hitman-Reihe. Für uns als frischgebackener Auftragsmörder ist das stufenweise drehbare Tokyo des Spiels Schauplatz diverser Auftragsmorde, in deren Verlauf wir einer sympathisch durchgeknallten Story folgen. Der Grafikstil im extrakleinen Pixellook täuscht allerdings: Hier geht es durchaus mörderisch zur Sache, und so mancher Einsatz wird dank kniffliger Parcours-Einlagen oder dem Zwang zum Schleichen durchaus herausfordernd.

Tokyo 42 ist ein Unikat, dessen einzigartige Optik sowohl für als auch gegen das Spiel spricht: Wer im Eifer des Gefechts die Wuselgroßstadt aus Versehen in die falsche Richtung rotiert, verliert schnell den Überblick. Zugleich erfreut dieser originelle Ameisenhaufen trotz seiner Kleinheit mit dem aus GTA & Co bekannten Freiheitsgefühl, in einer lebenden Metropole unterwegs zu sein.

The Long Journey Home Windows, 40 Euro

Verschollen im Weltraum – schon wieder! The Long Journey Home des deutschen Indie-Riesen Daedalic ist ein ambitionierter Genre-Hybrid, der dank Zufallsgenerierung ganzer Galaxien für Wiederspielwert sorgt. Die Odyssee des verschollenen Raumschiffs spielt sich auch je nach bei Spielbeginn ausgewählter vierköpfiger Besatzung und Schiffstyp unterschiedlich, Kern der Weltraumreise ist allerdings zunächst die originelle Bewegungsart im All oder auf diversen Planeten: Mit viel Fingerspitzengefühl gilt es in beiden Fällen, Beschleunigung, Trägheit und Kurs sowohl von Raumschiff als auch Landesonde in den Griff zu bekommen – Manöver, die ein gutes Stück Übung verlangen.

Abseits dieses Geschicklichkeitstests ist auch sorgfältige Ressourcenplanung angesagt – und das immer wieder überraschende Bewältigen einer Vielzahl von Begegnungen mit den anderen Bewohnern dieser unbekannten Galaxie. Diplomatie ist Trumpf, denn ein aggressiver Konfrontationskurs führt im Umgang mit außerirdischen Weltraumimperien schnell ins Game Over. Wie überhaupt der wiederholte Start des Spiels Teil des Konzepts ist: The Long Journey Home entfaltet sich von Mal zu Mal dank unterschiedlicher Aliens, Artefakte und Aufgaben zu unterschiedlichen Space-Operas, die Entdeckerdrang belohnen. Um die Bewältigung der manchmal auch frustrierenden Flug- und Landemanöver kommt man allerdings auf keiner der Weltraumreisen herum.

Dead Cells Windows, 17 Euro (Early Access)

Wenn ein Spiel seine besten Ideen von anderen Vorbildern zusammenklaut, muss es schon sehr gut sein, um nicht als schnöder Epigone zu gelten – das schafft Dead Cells mit Bravour. Das vor kurzem im Early Access erschienene, aber schon beeindruckend vollständige Actionspiel verbindet Einflüsse moderner Rogue-likes wie Spelunky oder Rogue Legacy mit dem Gameplay von Klassikern wie Castlevania oder Metroid, wirft ein bisschen Dark Souls dazu und überzeugt durch perfektes Gameplay und sinnvolle Designentscheidungen bis ins Kleinste. Als immer wieder neu auferstehender Ritter kämpft man sich durch bei jedem Start neu generierte Kerker und Burgen, schaltet Upgrades und Waffen für die folgenden Runs frei und hat schon bald die Wahl zwischen sich leicht verzweigenden Level-Pfaden.

Was die bereits fast 200.000 Käufer des in Bewegung unverschämt viel besser als auf Standbildern aussehenden Spiels im modernen Pixel-Look begeistert, ist die auf Anhieb fühlbare perfekte Spielbarkeit: Hier stimmt jede Bewegung, hier macht jeder Sprung, jedes Animationsdetail und jeder Soundeffekt Spaß und fühlt sich richtig an – eine schwer beschreibbare Tugend, die umso wichtiger wird, wenn völlig originelle Ideen eher Mangelware sind. Dead Cells ist schon jetzt, Monate vor seiner Fertigstellung, ein kleiner neuer Meilenstein in seiner Nische, der mit langem Spielwert und hoher Produktionsqualität überzeugt.

Endless Space 2 Windows, Mac 40 Euro

Globalstrategiespiele wie das große Civilization sind globale Bestseller, doch auch unterhalb der Großen finden sich Herausforderungen für Strategen des 4X-Genres – bekanntlich stehen die vier X für „exlore, expand, exploit, exterminate“. Der zweite Teil des Science-Fiction-Imperienbaukastens des französischen Indiestudios Amplitude stärkt die von Kennern verehrten Stärken des Vorgängers und präsentiert sich als clevere Variante zur altbekannten Genreformel.

Als Anführer einer von acht sich radikal unterscheidenden raumfahrenden Zivilisationen – zur Wahl stehen auch exotische Fraktionen wie etwa Pflanzenwesen oder eine kollektive Maschinenintelligenz – gilt es, die jeweiligen Stärken zu nutzen und auf friedliche oder militärische Weise Dominanz zu erreichen. Absolute Genreneulinge werden trotz guter Tutorials etwas an der Lernkurve zu knabbern haben, doch dank großartigem Design und abwechslungsreichen Partien ist Endless Space 2 ein absoluter Geheimtipp für Freunde der Globalstrategie.

Old Man's Journey iOS, Android, Windows, Mac, ab 5,49 Euro

"Old Man’s Journey" schickt einen alten, weißbärtigen Seemann auf Wanderschaft. Ganz zu Beginn erhält der rüstige Senior einen Brief, der sowohl der Anlass für die knapp zweistündige Wanderung als auch für ein Revuepassierenlassen seines Lebens wird. In fein animierten Standbildern entspinnt sich ganz ohne Worte Stück für Stück die Lebensgeschichte eines Mannes, dessen Weg immer wieder zwischen Heimat und Fernweh zerrissen war – ein bittersüßer Rückblick, der berührend ist, ohne in Kitsch abzugleiten. Der zentrale Gameplay-Mechanismus ist dabei absolut originell geraten: Statt den Wanderer direkt zu steuern, lassen sich Hügel und Elemente der Landschaft anheben, ziehen und verschieben, bis ein Weg frei wird. In Kombination mit störrischen Schafherden, Wasserfällen und anderen Hindernissen ergeben sich so kreative, nie allzu schwierig werdende Aufgaben, die die Bilderbuchwelt und ihre Atmosphäre noch besser zur Geltung bringen.

"Old Man’s Journey" ist, auch wegen seiner relativen Kürze und Zugänglichkeit, ein perfektes Spiel für Zeitgenossen, die sonst nicht spielen – und somit als Geschenk für diverse Tablets älterer Familienmitglieder prädestiniert. Das bedeutet beileibe nicht, dass erfahrenere Spielerinnen und Spieler damit keine Freude hätten – im Gegenteil. Die zentrale Spielmechanik ist originell – und die Präsentation ist ebenso gelungen wie die Geschichte, die erzählt wird. Ein hübscheres, mit mehr Liebe gemachtes Spiel, noch dazu aus Österreich, hat man lange nicht mehr gesehen.

Und sonst?

Wer wuselige Aufbauspiele wie Prison Architect, Rimworld oder deren Urahn Dwarf Fortress mag, kann sich mit Oxygen Not Included (Windows, 23 Euro Early Access) auf einen weiteren Titel freuen, in dem sich eigenwillige Spielfiguren mit ganz individuellen Ticks und Eigenschaften als Kolonisten versuchen. Die kanadischen Entwickler Klei Entertainment, bekannt von Don't Starve und Invisible Inc., haben sich mit ihren vorigen Early-Access-Titeln einen hervorragenden Ruf erarbeitet – zu Recht, wie auch ihr neues Spiel zeigt.

Dass Stadtbaukästen sehr klein und trotzdem hochkomplex sein können, beweist Block'hood (Windows, Mac, Linux 15 Euro): Das von einem Architekten designte Spiel im trügerisch simplen Lego-Look versteht es nämlich durchaus, in seinen winzigen, aber dafür endlos hohen Baugründen beeindruckend umfangreiche Wirtschafts- und Rohstoffkreisläufe abzubilden, die vor allem nachhaltiges Bauen belohnen. Nach einer erklärenden Kampagne laden Challenges, freies Sandbox-Spiel und „Educational-Mode“ zum Weiterspielen.

Außerdem ist das bunt-knallige Shooter-Roguelike Everspace seit kurzem final erhältlich - und das wunderbare Darkest Dungeon hat soeben mit “The Crimson Court” ein fettes Paket DLC erhalten.

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