Best of Indie Mai

Monat rum! Hier wieder die spannendsten Indiespiele der letzten Wochen, aggregiert und mit Frankenstein'schem Furor aus Golem.de, Standard und FM4 zu einem Megamonster zusammengeschraubt. It's alive!

What Remains of Edith Finch Windows, PS4, 19,99 Euro

In leerstehenden Häusern spukt es in vielen Spielen, und auch in diesem sind die Geister der Vergangenheit zu spüren - allerdings anders, als man es erwarten würde. Als letzte Tochter eines von einem mysteriösen Familienfluch über die Jahrzehnte heimgesuchten Clans erforschen Spielerinnen und Spieler in What Remains of Edith Finch nicht nur das chaotische, von allerlei Geheimgängen und architektonischen Verrücktheiten gezeichnete Familienanwesen, sondern auch die eigene Familiengeschichte, in der sich tragische und tragikomische Schicksale in zwölf spielbaren Experimenten entdecken lassen.

Die spielbare Ahnenforschung ist zwar letztlich linear und bietet kaum spielmechanische Herausforderungen, dafür überrascht das Spiel aber sowohl First-Person-Kenner wie auch -Einsteiger mit überaus originellen und überraschenden Ideen, die man so noch kaum gesehen hat. Wie in den spielbaren Vignetten vom Leben und Sterben der jeweiligen Finch-Familienmitglieder erzählt wird, ist überaus abwechslungsreich und unterhaltsam und erinnert vom Tonfall her an die Filme des US-Kultregisseurs Wes Anderson: melancholisch, etwas makaber, aber auch sympathisch humorvoll. Freunde von erzählenden Spielen wie Firewatch oder Gone Home sollten unbedingt einen Blick riskieren.

Übrigens: Zur anlässlich dieses Spiels von Ian Bogost losgetretenen Kontroverse um Erzählen im Spiel habe ich hier ein paar Worte verloren.

Yooka-Laylee Linux, macOS, Windows, PlayStation 4, Xbox One, Nintendo Switch, 39,99 Euro.

Nostalgie ist inzwischen ein großes Geschäft im Medium Videospiele, und Indie-Studios haben viel dazu beigetragen: Schon zahlreiche unsterbliche Spieleklassiker wurden durch Crowdfunding-Unterstützung und alte Helden wieder in die Gegenwart geholt. Yooka-Laylee bittet nun eine ganz bestimmte Spiele-Ära vor den Vorhang: die Zeit der großen 3D-Action-Plattformer Ende der 1990er-Jahre. Wer jetzt an Banjo-Kazooie denkt, liegt goldrichtig: Yooka-Laylee ist tatsächlich nicht nur ein spiritueller Nachfolger des Klassikers, sondern wurde sogar von einigen Mitgliedern des damaligen Entwicklerstudios Rare gestaltet.

Genau wie im großen Vorbild warten knallbunte 3D-Welten und überdrehte Figuren im Cartoon-Look auf die Spielerschaft, die sich mit oder ohne Kenntnis der großen Vorbilder in den riesigen Spielumgebungen vergnügen kann. Freunde klassischer 3D-Plattformer kommen so völlig auf ihre Kosten, müssen sich allerdings, so mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, auch der Tatsache stellen, dass manche Unarten dieser Epoche - vor allem eine oft störrische Kamera und schwierige Orientierung - 2017 etwas störender auffallen als damals.

GNOG PS4, PS VR 15 Euro; iOS, Windows, Mac, Linux in Vorbereitung.

Manche Spiele sind Spielzeug im besten Sinne, und GNOG gehört dazu: Im umwerfend bunten, an Kinderbuchillustrationen erinnernden Stil gehalten und mit liebevoll arrangiertem Sound und Musik unterlegt, lädt das Puzzle-Spiel zum kreativen, originellen Knöpfchendrücken und Tüfteln an neun riesigen “Monsterköpfen”, die ihre Geheimnisse nur nach und nach freigeben. Neben kindlicher Freude am Entdecken ist hin und wieder auch etwas Logik gefragt, doch allzu harte Kopfnüsse stellt GNOG nicht - das macht es übrigens sowohl für ganz junge wie auch durchaus ältere Spielerinnen und Spieler interessant.

Zur Hochform läuft das fantasievolle Spiel übrigens erstaunlicherweise in VR auf: Hier gewinnen die sich immer weiter öffnenden Rätselboxen die besondere Haptik von ebenso handfestem wie irrealem Riesenspielzeug. Doch auch ohne VR-Headset lohnt sich die Rätselreise - man darf auch auf die Veröffentlichung für mobile Plattformen gespannt sein. GNOG ist halb freundlich-schrilles interaktives Pop-Art-Kunstwerk und halb kreative Puzzlebox. Wie lautet doch das hier zutreffende Klischee: ein Spiel für Junggebliebene von 3 bis 99 Jahren.

Little Nightmares PS4, Xbox One, Windows, 20 Euro.

Das schwedische Indiestudio Tarsier, zuvor mit Little Big Planet und Tearaway Unfolded unter dem Dach von Sony, hat sein düsteres Action-Adventure Little Nightmares zwar unabhängig entwickelt, veröffentlicht aber nun doch gemeinsam mit Publisher Bandai Namco - ein Grenzfall zwischen traditionellem Business und unabhängiger Entwicklung. Spielerinnen und Spielern kann’s egal sein, denn Little Nightmares ist ein rundum gelungenes Spiel geworden - den Indie-Award der letztjährigen Gamescom konnte man dafür schon einstecken. Als kleines Mädchen im gelben Mantel sind Spielerinnen und Spieler hier auf der Flucht vor allerhand albtraumhaften Gestalten.

Der einprägsame Stil des Spiels erinnert an die surreal-makabren frühen Filme des französischen Regie-Duos Jeunet & Caro (“Stadt der verlorenen Kinder”, “Delikatessen”), das Gameplay wiederum an die Kultspiele des dänischen Studios Playdead, dessen Spiele Limbo und Inside sich in der wortlosen Handlung ebenso wie in der einfachen, situationsabhängigen Steuerung widerspiegeln. Auch wenn Little Nightmares wegen kleinerer Durchhänger nicht ganz an die zugegeben außergewöhnliche Qualität dieser Vorbilder heranreicht, ist es dennoch eine wunderbar atmosphärisches Gruselabenteuer mit Charme.

The Wild Eternal Windows, 19,99 Euro.

Untypischere Videospielhelden gibt’s selten: Statt als mächtiger Held ist man in The Wild Eternal zur Abwechslung einmal als Seniorin unterwegs. In der Rolle einer Greisin, die ihres langen Lebens müde ist, sind Spielerinnen und Spieler im 17. Jahrhundert irgendwo im Himalaya unterwegs, um unter Anleitung eines füchsischen Halbgottes dem ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt zu entrinnen.

Im atmosphärischen First-Person-Explorer geht es also durchaus buddhistisch-philosophisch zur Sache, doch das soll nicht abschrecken: Die simple, aber hübsche Grafik, mysteriöse Rätsel, die Notwendigkeit, die zu Beginn schwindenden Fähigkeiten der Hauptfigur wiederherzustellen, und sanfte Herausforderungen machen das Spiel zur ebenso faszinierenden wie entspannenden Wanderung durch eine wunderschöne Spielewelt. Ein beinah meditatives Abenteuer, das durch seine besondere Stimmung begeistert.

Crawl Windows, Mac, Linux 14,99 Euro

Nach drei langen Jahren im Early Access, in denen schon über 170.000 neugierige Spielerinnen und Spieler zugeschlagen haben, ist das Spiel australischer Entwickler vor kurzem final und auch für Konsolen erscheinen – und ein großer Spaß. Vor allem wegen des originellen Konzepts: Bis zu vier Spielerinnen und Spieler finden sich in einem Fantasy-Kerker, wo Schätze, Magie und böse Monster warten. Die klassische Heldenrolle kann allerdings nur eine(r) spielen – die übrigen Mitspielerinnen und Mitspieler stellen sich in der Rolle körperloser Geister oder aber verschiedener Monster als trickreiche Hindernisse auf dem Weg zum großen Schatz in dessen Weg.

Es sind stets die simplen Spielideen, die bei Local-Multiplayer-Partys für Unterhaltung sorgen, und "Crawl" ist keine Ausnahme. Zwar erfordert sowohl die Helden- wie auch die Monsterrolle ein bisschen Übung und Geschick, doch in der Hauptsache sorgt der gemeinsame Widerstand der Monster-Spieler gegen den scheinbar übermächtigen Helden schon nach sehr kurzer Einspielzeit für immer wieder abwechslungsreiche, spannende Unterhaltung auf der Couch. Denn auch die Zusammenarbeit mit anderen Monstern hat ein Ablaufdatum – nur wer den letzten, entscheidenden Angriff ausführt, wird als Held wiedergeboren. Das macht alle Allianzen temporär und höchst unterhaltsamer Verrat steht an der Tagesordnung.

Und sonst?

Ein faszinierendes Konzept verfolgt The Sexy Brutale (PS4, Xbox One, Windows, 20 Euro): Im originellen Puzzle-Adventure wiederholt sich derselbe Tag eines jährlich stattfindenden Maskenballs in einer Zeitschleife, die Aufgabe ist es, die mörderischen Ereignisse in wiederholten Versuchen zu verhindern und das Rätsel zu entwirren. Klingt komplex, ist aber höchst originell und einzigartig präsentiert.

Mit dem seltsamen Point&Click-Adventure Paradigm (Windows, Mac, 15 Euro) kommen Fans ganz bizarren Humors auf ihre Kosten: Als ebenso naiver wie deformierter Mutant zieht man hier in einer osteuropäischen Postapokalypse gegen ein größenwahnsinniges Faultier zu Felde - australischer Humor mit Schlechter-Geschmacks-Garantie.

Wer von rasanter Mörder-Action der Marke Hotline Miami nicht genug hat, sollte sich Mr. Shifty (PlayStation 4, Xbox One, Microsoft Windows, Nintendo Switch, Mac OS, 14,99 Euro) genauer ansehen: Das klaut frech das zentrale Gameplay, wirft aber noch eine Teleportfunktion à la Nightcrawler mit hinein. Zu schade, dass sowohl Grafik als auch (und vor allem) der Soundtrack nicht an die Unverwechselbarkeit des Originals heranreichen.

Zum Abschluss eine Warnung: Indie-Freunde, die sich von Outlast 2 hochglänzenden Horror der Marke Verstecken und Verstümmelung erwartet haben, sollten ihre Erwartungen runterschrauben: Das bombastische Horrorabenteuer erschreckt höchstens durch maximal platte Handlung, eine absonderliche Faszination seiner Entwickler für Kastration und Gameplay, das sich durch stupides Wegrennen auf unspannendste Art und Weise aushebeln lässt. Dann lieber Resident Evil.

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