“House of Cards”: Spielen als Normalität

Seit einigen Jahren hört man es gebetsmühlenartig und bis zum Verdruss: Videospiele seien “in der Mitte der Gesellschaft” angekommen. Was das bedeuten mag, zeigt sich unspektakulär, aber deshalb nicht weniger bedeutsam in einem anderen Medium, das unbestritten seit Jahren in dieser Mitte regiert und an Qualität immer weiter zunimmt: in aufwendig produzierten TV-Serien wie “House of Cards”, die ein ebenso spannendes wie komplexes Bild von Hochpolitik, aber auch menschlichen Abgründen vermitteln und international höchst erfolgreich sind. Warnung: Spoilers.

Frank Underwood, von Kevin Spacey diabolisch-genial verkörperter Protagonist der hochgelobten US-Serie, ist nicht nur nach zwei Staffeln des Politthrillers auf dem Zenith der Macht, im Weißen Haus, angekommen, sondern nebenbei auch einem Hobby treu geblieben, das in großen Teilen der Öffentlichkeit immer noch mit Kinderspielzeug verwechselt wird: Ganz selbstverständlich wird hier ein US-Präsident gezeigt, der Videospiele nicht nur gedankenlos konsumiert, sondern sich auch dafür interessiert - und das völlig ohne die jahrzehntelang aus anderen TV- und Filmproduktionen bekannten peinlichen Klischees und Vorurteile. “Gamer”, das sind endlich einmal nicht seltsame Nerds mit Hygiene- und Sozialproblemen, sondern ganz normale Menschen, die eben auch spielen und nicht nur darüber charakterisiert werden.

Schon in Staffel 1 sah man den gestressten Machtpolitiker Underwood abends bei einer Partie “Killzone” entspannen oder die Mobilkonsole PlayStation Vita loben, doch in der aktuellen Staffel 3 gehen die Autoren noch einen Schritt weiter und rücken das überraschende Hobby des knallharten Intriganten Underwood ein Stückchen weiter ins Zentrum. Die Hauptfigur beim Videospielen, das ist nicht mehr nur ein Weg, einer Figur eine unerwartete Seite zu geben - diesmal nehmen die Autoren auch Bezug auf Änderungen in der Branche selbst. Schon in Staffel 2, als Vizepräsident beruflich stark gefordert, hatte sich Underwood mit Bedauern von seiner Konsole und Shootern verabschiedet; stattdessen wendet er sich nun, im Weißen Haus am Ziel seiner Ambitionen gelandet, einer kleineren Form des Mediums zu, die sich besser mit seinem stressigen Arbeitsleben vereinbaren lässt.

In Staffel 3 stehen erstmals Indie-Spiele im Zentrum der Gewohnheiten des "House of Cards"-Antihelden.

Mit dem Mobile-Puzzler “Monument Valley”, der prominent in Folge 5 auf Underwoods Bildschirm landet, steht erstmals ein Indie-Spiel im Zentrum - und das nicht nur in der Szene, in der Frank beim Spielen zu sehen ist . Den Schreiber der “Monument Valley”-Review, die den sonst Shootern liebenden Präsidenten zum Spielen brachte, engagiert Underwood dann auch gleich als Biografen und Berater. Zwei Folgen später entführt Thomas Yates, der Ex-Spielejournalist, seinen neuen Arbeitgeber dann sogar noch tiefer ins Labyrinth obskurer Indie-Spiele und verwirrt ihn mit dem erzählerischen Experiment “The Stanley Parable” - im Serienkontext eine perfekte Metapher für die verlässlich undurchsichtigen Intrigen der Politserie. (“Another time”, grummelt der Präsident, “it’s too much like my real life.”) Auch eine Erwähnung des Indie-Millionensellers “MineCraft” darf nicht fehlen.

Ist das nur Product Placement? Die Macher von “Monument Valley” verneinen in einem Tweet - und es erscheint auch unwahrscheinlich, dass sich die “kleinen” Entwickler die sicher teure Schaltung leisten hätten können, auch wenn genaue Zahlen zu derart versteckter Werbung in Serien und Filmen notorisch geheimgehalten werden. Der Effekt des Serienauftritts war trotzdem gewaltig: “Monument Valley” erstürmte dank “House of Cards” - zum wiederholten Mal - die AppStore-Charts. Der Werbeeffekt sei dabei sogar größer als jener für bezahlte Werbung während der absoluten US-Werbeprimetime beim Superbowl gewesen.

"House of Cards" zeigt die zeitgemäße Gegenposition zu der althergebrachten stereotypen Darstellung von Computerspielern als sonderbare Außenseiter

Wahrscheinlich ist der Auftritt von Games im TV wohl eher eine simple Win-win-Situation für beide Seiten, ganz ohne vordergründige kommerzielle Motivation: Mit der Darstellung einer Hauptfigur, die selbstverständlich auch dem gar nicht mehr so jungen Medium Spiele offen gegenübersteht, holen die Netflix-Autoren nicht nur viele ihrer Zuseher bei ihrer eigenen Lebensrealität ab, sondern verankern “House of Cards” auch in einer realistischen Version der Gegenwart. “House of Cards” und sein games-affiner Antiheld Frank Underwood sind somit die zeitgemäße Gegenposition zu der althergebrachten stereotypen Darstellung von Computerspielern als sonderbare Außenseiter. Spiele verlassen ihre Nerd-Reservate, wie sie zum Beispiel in “The Big Bang Theory” schon länger zu sehen waren. Es war auch schon höchste Zeit.

Ustwo, die Macher von “Monument Valley”, nehmen den Popularitätsturbo übrigens mit Humor. “Unser nächstes Ziel ist, es ‘Monument Valley’ in ‘Game of Thrones’ zu platzieren.”

Dieser Artikel erschien zuerst für den Gamestandard. Und nur zur Erinnerung: Bislang war das Bild, das Hollywood von Videspielen gezeichnet hat, nunja. Seht selbst.

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