Indie ist tot, lang lebe Indie

In den letzten zehn Jahren haben die Spiele unabhängiger Entwickler die Games-Branche grundlegend verändert, und sich selbst gleich mit. Was heißt das heute noch - Indie? Eine leicht gekürzte Version dieses Essays erschien zuerst für den GameStandard.

Independent Games: Das war einmal der Underground der Gamesbranche. Heute ist “Indie” allgegenwärtig und aus dem Spieleangebot nicht mehr wegzudenken. Die elektronische Distribution von Spielen per Internet, der weltweite Siegeszug von Smartphones und Tablets und mächtige, großteils kostenlose Werkzeuge zur Spieleentwicklung haben im vergangenen Jahrzehnt die Spieleentwicklung demokratisiert und das Publikum explosionsartig erweitert. Doch die Geschichte von Indie ist mindestens ebenso stark von wirtschaftlichen wie technischen Revolutionen geprägt.

“Indie”, also unabhängig zu sein vom klassischen Publishermodell der Branche, das ist 2015 zuallererst eine übervolle Schublade. Denn dieses traditionelle Modell, von dem man per Definition unabhängig ist, existiert heute, zehn Jahre nach dem Beginn der Indie-Revolution, nur mehr für einige wenige Entwicklerstudios.

Marktbereinigungen und die Konzentration auf das Geschäft mit wenigen, aber dafür umso einträglicheren Blockbustern haben für einen Umbruch in der Branche gesorgt. Längst ist das romantische Klischeebild des aus dem Schlafzimmer heraus arbeitenden Indie-Entwicklers Geschichte. Denn auch kleine und mittlere Entwicklerstudios, die früher unter dem Dach großer Publisher ihre Spiele entwickelten, sind inzwischen “unabhängig” geworden - und der Entlassung in die kreative Freiheit ging allzu oft eine tatsächliche Entlassung aus regulären Anstellungen voraus. Die Indie-Spiele dieser Industrieveteranen stehen auch deshalb qualitativ kaum den Großen nach.

Das Geld dafür kommt inzwischen immer häufiger schon vorab von den Spielern selbst: Crowdfundingplattformen wie Kickstarter, aber auch das Early-Access-Modell, bei dem schon vor Fertigstellung Zugriff auf das Spiel gewährt wird, sichern die Finanzierung hunderter Projekte ganz ohne Geld vom großen Publisher. Global erfolgreiche Indie-Spiele können ihre Entwickler über Nacht reich machen - auch wenn die Erfolgsgeschichte von Markus Persson, der dank Minecraft zum Milliardär wurde, wohl einzigartig bleiben wird.

Mit dem Erfolg kommen oft neue Abhängigkeiten durch die Hintertür. Weil inzwischen auch die großen Konsolenhersteller die unabhängigen Entwickler umwerben, finden sich erfolgreiche Indie-Studios inzwischen zunehmend in Exklusiv-Verträgen mit denselben Publishern wieder, von denen man ursprünglich unabhängig geworden war. Auch spezialisierte “Indie-Publisher” bieten kleinen Entwicklern Unterstützung bei Entwicklung, Marketing und PR. Natürlich gegen Bezahlung: Bis zu 40 Prozent des Umsatzes gehen an diese Dienstleister, die sich - bislang - zumindest inhaltliche Eingriffe in die Produkte verkneifen.

Doch auch mit der kreativen Unabhängigkeit ist es in Hinblick auf die faktischen Monopole der großen Plattformbetreiber ohnedies nicht allzu weit her. Denn der Zugang zu den beiden größten digitalen Spieleplattformen, Apples AppStore und Steam, ist auch mit Einschränkungen verbunden: Zu freizügige Inhalte, missliebige politische Äußerungen oder schlicht technische Vorgaben lassen die theoretische kreative Freiheit der unabhängigen Studios schrumpfen. Ohne Präsenz auf diesen Marktplätzen bleiben aber kaum kommerzielle Chancen - ein drastisches Abhängigkeitsverhältnis.

Wer in der Flut der "Indiepocalypse" nicht gesehen wird, geht oft sang- und klanglos unter.

Dem Boom - und auch dem Hype - tut dies allerdings keinen Abbruch. Die Indie-Flut, die vor allem in den letzten Jahren auf alle erdenklichen Spielgeräte geströmt ist, überfordert inzwischen sowohl Spielerschaft als auch Kuratoren. Dabei entscheiden vor allem Letztere oft über Erfolg oder Misserfolg: Sichtbarkeit ist Gold wert - die Spiele, die etwa von AppStore-Kuratoren oder professioneller PR vor den Vorhang geholt werden, haben einen essentiellen Startvorteil. Wer in der Flut der "Indiepocalypse" nicht gesehen wird, geht oft sang- und klanglos unter.

Die heillose Flut an täglich, ja stündlich neuen Indie-Spielen unterschiedlichster, zum Teil auch katastrophal minderer Qualität ist die Kehrseite der leichter gewordenen Zugänglichkeit von Distribution und Werkzeugen. Der Traum vom eigenen, unabhängig entwickelten Spiel, das ein weltweiter Erfolg wird, war aus technischer und kreativer Sicht noch nie leichter zu verwirklichen - in der Praxis allerdings rückt er, wie jener vom Durchbruch als Popstar, zunehmend in weite Ferne.

Was tatsächlich in der Krise ist, ist das Label “Indie” selbst - es ist eine Schublade, außerhalb derer bis auf einzelne Blockbuster nur mehr wenig ist. In ihr drängeln sich allerdings inzwischen so viele grundverschiedene Konzepte, dass “Indie” als Beschreibung tatsächlich fast nutzlos geworden ist.

Zumindest der innovative, räudige Underground, der früher einmal der subversive Kern einer Indie-Avantgarde war, hat sich aus diesen Gründen inzwischen begrifflich von dieser Masse abgespalten. Für experimentelle, gänzlich unkommerzielle Spiele, wie sie ebenso in nie zuvor dagewesener Zahl täglich zum Beispiel in Game-Jams nur aus Lust am Medium Games entstehen, bürgert sich seit kurzem das Label #altgames ein - mit ihm setzt sich erneut eine Subkultur vom Mainstream ab. Auch diese Avantgarde wird einen spannenden Weg voraus gehen.

Geld regiert auch die Indie-Welt, Kommerz killt Kreativität und die Unabhängigkeit ist gar keine - ist Indie also an seinem Erfolg gescheitert? EIne antikommerzielle Gegenkultur ist Indie 2015 nicht mehr - doch zugleich erreicht auch eine nie dagewesene Menge origineller, kreativer und persönlicher Spiele ein beispiellos großes Publikum. In gewisser Weise stellen Indie-Spiele eigentlich nicht mehr die Subkultur, sondern einen neuen, breiten Mainstream dar. Es fällt schwer, angesichts der Qualitätsexplosion in unzähligen Indie-Spielen über die zunehmend verloren gehende Unabhängigkeit allzu traurig zu sein.

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