Der Feind im Kinderbett

Während wir Krieg in den meisten Spielen als Soldaten oder Feldherren erleben, gibt es in letzter Zeit Versuche, auch andere Perspektiven zu eröffnen, wie das (Über-)Leben als Zivilist in "This War of Mine" oder die mühsame Arbeit einer Reinigungskraft, die in "Viscera Cleanup Detail" eine Raumstation von den blutigen Resten einer abgewehrten Alien-Invasion befreien muss. Subtiler, aber viel tiefgehender hinterlässt Krieg aber seine Spuren, wenn der Hass trotz Frieden überdauert und Unschuldige trifft. Stefan Köhler über das bemerkenswerte Mobile-Spiel My Child Lebensborn.

Ach, wenn die Sommerferien doch nie zu Ende gegangen wären … all die schönen Erinnerungen an Tage am See und Beeren pflücken im Wald. Aber Klaus hatte sich auch so darauf gefreut, endlich in die Schule gehen zu dürfen. Endlich erwachsen zu sein. Er macht sich jetzt Gedanken, wie er mir helfen könnte. Will etwa seine Bilder verkaufen, weil er weiß, dass das Geld, das ich in der Fabrik verdiene, gerade so für uns zwei reicht. Wenn es nach mir ginge, würde ich mir wünschen, er könnte länger ein Kind bleiben. Und wäre nicht den Blicken und Beschimpfungen der anderen ausgesetzt, hätte nicht diese quälenden Fragen im Kopf, ob etwas mit ihm nicht stimmt und woher er kommt …

Klaus ist ein ‚Tyskerbarn‘ – ein ‚Deutschenkind‘. Bis zu 12.000 Kinder waren während der Besatzung Norwegens von 1940 bis 1945 aus Beziehungen zwischen Soldaten und einheimischen Frauen hervorgegangen. Drei Viertel davon wurden im Rahmen des sogenannten Lebensborn-Programms betreut, da sie gemäß der Rassenideologie der Nationalsozialisten durch das nordische Blut der Mütter besonders arisch waren. Nach dem Krieg wurden nicht nur diese Mütter gesellschaftlich geächtet, sondern vor allem die Kinder, was soweit ging, dass einige sogar aufgrund angeblichen Schwachsinns wegen minderwertiger Gene in die Psychiatrie eingewiesen wurden.

Mit etwas Glück ergab sich, wie bei Klaus, die Möglichkeit einer Adoption, doch außerhalb des schützenden Zuhauses waren viele Kriegskinder weiterhin Opfer von Diskriminierung. Jahrzehntelang wurde dies totgeschwiegen, bis ab den 1980er-Jahren Berichte und künstlerische Auseinandersetzungen wie der Roman Der stumme Raum von Herbjørg Wassmo das Thema ins Bewusstsein der norwegischen Öffentlichkeit brachten. Aktuell unternimmt nun das Transmedia-Projekt Born of War den Versuch, nicht nur an das Schicksal der ‚Deutschenkinder‘ zu erinnern, sondern auch ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass selbst heutzutage noch viele Menschen als ‚Brut des Feindes‘ Hass und Gewalt erfahren (wie etwa Kinder, die von IS-Soldaten gezeugt wurden), und deren Situation zu verbessern.

Neben dem Dokumentarfilm Wars don’t end soll dies durch das Mobile Game My Child Lebensborn gelingen, das die Sprachen Norwegisch, Englisch, aber auch Deutsch unterstützt. Nachdem ich das Spiel Anfang des Jahres bereits in einer Beta-Version testen durfte, erschien am 8. Mai die finale Fassung – und damit passenderweise am ‚Tag des Sieges‘, an dem in Norwegen nach dem Zweiten Weltkrieg das Ende der Besatzung gefeiert wurde, aber auch das Leiden der Lebensborn-Kinder begann, da die Norweger nun alle Spuren der verhassten Feinde ausmerzen wollten.

Hält man sich gar nicht erst an der Frage auf, ob man solch ein Thema überhaupt spielerisch umsetzen darf, stellt sich die viel interessantere Frage nach dem ‚Wie‘. Die Produzentin Elin Festøy und die Entwicklerin Catharina Due Bøhler trafen hier die mutige Entscheidung, die Möglichkeiten des Spielers bewusst zu beschränken. Ich kann nicht die Welt retten oder in diesem Fall die alltägliche Diskriminierung beenden, sondern durch meine Aktionen und Kommentare nur dafür sorgen, dass Klaus (oder alternativ ein Mädchen namens Karin) diese schwere Zeit ohne größere seelische Schäden übersteht. Aber wie herausfordernd ist dieses ‚nur‘! Neben dem Decken der grundlegenden Bedürfnisse wie Essen, Körperpflege, Kleidung und Schlaf steht im Vordergrund, das einem anvertraute Kind bei der Suche nach seiner Identität zu unterstützen – und das alles in der Not der Nachkriegszeit, bei begrenzten zeitlichen und finanziellen Ressourcen (sollte ich noch Überstunden in der Fabrik machen oder mich besser zu Hause mit Klaus beschäftigen?).

Die Suche nach Identität umfasst dabei nicht nur wortwörtlich, dass ich Nachforschungen unternehme, um die Fragen des Kindes beantworten zu können, woher es kommt und warum es als anders angesehen wird. Durch das, was ich in Gesprächen mit Klaus sage, nehme ich zudem Einfluss darauf, wie er mit seiner misslichen Lage umgeht und welches Selbstbild er entwickelt. Dabei bietet das Spiel bis auf einige wichtige Ausnahmen keine offensichtlichen Schwarz-Weiß-Entscheidungen, sondern oft Antworten, die sich nur in Nuancen unterscheiden, wodurch unklar bleibt, ob man etwas bewirkt und falls ja, was.

Keine offensichtlichen Schwarz-Weiß-Entscheidungen, sondern Antworten, die sich nur in Nuancen unterscheiden

Auf diese Weise entgeht My Child Lebensborn geschickt der Falle, dass einem die Optimierung des eigenen Ergebnisses wichtiger wird als die Erfahrung, welche das Spiel ermöglichen möchte. Eine dritte Komponente der Suche nach Identität besteht schließlich darin, durch gemeinsame Erlebnisse und geteilte Geheimnisse Erinnerungen zu schaffen und so die Beziehung zu seinem virtuellen Schützling zu stärken. Dies geschieht unter anderem in Form eines Albums, in dem wichtige Ereignisse als Fotos in Erinnerung gerufen werden können.

Was My Child Lebensborn als Erfahrung besonders auszeichnet, sind aber die kleinen narrativen Momente, die einem bewusst machen, dass man über dem vermeintlich Wichtigeren Gefahr läuft, das Wesentliche aus den Augen zu verlieren. So geht mir immer noch nicht aus dem Kopf, wie Klaus einmal freudig verkündete, er habe etwas für mich versteckt, ich aber durch die Erledigung anderer Aufgaben verpasste, danach zu suchen, und dadurch nie herausfand und nie herausfinden werde, welches Geheimnis Klaus mit mir teilen wollte.

Die Bedürfnisse anderer Menschen so wahrzunehmen und zu berücksichtigen und dafür gegebenenfalls Vorurteile zu überwinden, stellt laut Festøy gerade auf dem Weg zum Erwachsenwerden eine wichtige Entwicklungsaufgabe dar. Entsprechend soll es in Zukunft noch eine Mehrspieler-Fassung des Spiels für norwegische Schulen geben. Zu wünschen wäre darüber hinaus, dass bald auch Jugendliche im deutschsprachigen Raum auf diese Weise für das Thema Kriegskinder sensibilisiert werden, nicht nur aufgrund einer historischen Verantwortung, sondern auch wegen der traurigen Aktualität.

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