Die Spaziergänger 4: Lifeless Planet

Ist ein Videospiel ein Gegenstand oder ein Ort? Man könnte sagen: beides. Videospiele sind der Ort hinter dem Bildschirm, oder eher: viele Orte. Schöne, faszinierende, banale, unheimliche, außergewöhnliche. In manchen darf man einfach lustwandeln, ohne kämpfen, springen, rätseln, kurz: etwas leisten zu müssen. Man darf in ihnen spazierengehen.

Sebastian Standke und Rainer Sigl machen sich einmal monatlich in der Serie Die Spaziergänger abwechselnd auf den Weg; diesmal führt Rainer nochmal zu einem Spiel, das man spielen soll.

Sein Macher, der Designer David Board, nannte es ein "Action-Adventure", manche Rezensenten sprechen von einem "Puzzle Platformer" und beklagen den Mangel an Gameplay. Tatsächlich ist Lifeless Planet ein Spiel, das sich zwischen viele Stühle setzt, oder besser gesagt: Es setzt sich dort nicht einmal hin. Stattdessen spaziert es. Wie passend.

Das Erste, was den Freund von Spaziergängen in Videospielen verwundert, ist die Perspektive: Statt aus der Ichperspektive den Weg als Ziel zu würdigen und die eigene Spielfigur hinter dem eigenen Blick verschwinden zu lassen, schauen wir hier ganz traditionell von außen auf sie. Der kleine Astronaut hat etwas Niedliches, einen Hauch von Cartoon-Tollpatschigkeit, doch das ist ein weiteres Missverständnis: Die Geschichte, die hier erzählt wird, hat wenig Zeit zum Augenzwinkern. Vor allem deshalb, weil die Welt, die wir hier durchqueren, mit weit aufgerissenen Augen am besten zu würdigen ist.

Der leblose Planet, den wir hier in für Walking-Simulatoren untypischer Länge von etwa sechs Stunden erforschen, ist zwar nicht so unbelebt, wie der Name behauptet, doch den Reiz und die Atmosphäre dieses überraschend ernsthaften Spiels beschreibt der Titel durchaus: Es sind atemberaubende Einöden, die man hier durchwandert, gewaltige Naturdenkmäler, ein Best-of wahnwitziger Landschaftsspektakel, wie sie die Nationalparks der Erde nicht einmal ansatzweise in dieser Dichte aufbringen können, von grandiosen Canyons über schimmernde Geysire hin zu beeindruckenden Gipfeln und farbenprächtigen Wüsten.

Und: Spuren menschlicher und anderweitiger Besiedlung, die Lifeless Planet zuweilen vom Science-Fiction-Ausflug zum bizarr-surrealen Trip ins Halluzinatorische werden lassen. Gut, die - lakonisch erzählte - Story hätte auch weniger Erklärung vertragen, doch sie lässt sich, wie das ganze Spiel, im Flow des Spazierens, des Immer-weiter, ohne besondere Hast oder Gefahr erleben und enträtseln.

Es gehört zum Wesen des Spaziergangs, dass er weitgehend absichtslos sei, nicht der sportlichen Ertüchtigung oder irgendeinem konkreten Zweck gewidmet, sondern der Bewegung an sich, am besten an und hin zu Orten, die uns ästhetisch erfreuen; mit dieser Erklärung im Hinterkopf offenbart sich Lifeless Planet, das von Kritik und manchen SpielerInnen als ermüdend, inhaltsleer und nicht herausfordernd gescholten wurde, als fast perfekter Walking Simulator mit äußerst gelungenem, angemessenen Tempo. Zwar übersteigen die hin und wieder anzufindenden (leichten) Rätsel die Definition des absichtslosen Gehens, doch das Staunen, der "sense of wonder", der sich hier durchs Durchqueren und Schauen einstellt, entschädigt jeden, der nicht unbedingt des mechanischen Gameplays wegen hier ist.

Vielleicht ist der Reiz des Spaziergangs, dass er sich als innere Landschaft der Erinnerung in uns selbst wiederholt.

"Trotz Linearität vermittelt Lifeless Planet gekonnt ein Gefühl großer Einsamkeit und eines Mysteriums, das Entdeckernaturen immer weiter vorantreiben wird", schrieb ich damals, und weiter: "Die Reise durch die atmosphärisch beeindruckenden Wüsten, Canyons und Landschaften des leblosen Planeten ist wie eine Wanderung mit berückend schönen Ausblicken, gefährlichen Aufstiegen und vorsichtigen Querungen. ... Am Ende der Entdeckungsreise, nach über fünf bis sechs Stunden Spielzeit, bleibt die Erinnerung an die zu Fuß durchquerten Landschaften in uns wie ein Echo einer Safari."

Vielleicht liegt just darin der Reiz nicht nur des realen, sondern auch des virtuellen Spaziergangs - dass er Erinnerungsmaterial liefert, das wir uns einverleiben, das in uns Fortbestand hat, das sich als innere Landschaft der Erinnerung in uns selbst wiederholt? Lifeless Planet mag kein besonders gutes "Action Adventure" sein; es ist mit Sicherheit ein "Puzzle Plattformer", dessen Spielmechanik uns unterfordert und mit Mangel an "Gameplay" in die Flucht schlägt.

Dafür ist es etwas anderes, vielleicht viel Wertvolleres: ein von einem sichtlich grafisch und ästhetisch geschulten Macher gestalteter Ort, den wir uns durch Durchquerung und Erforschung staunend selbst zu eigen machen können. Ein großer Spaziergang in einem nur auf den ersten Blick kleinen Spiel.

Der Spaziergang: Lifeless Planet. 2014 erschienen, gibt es Lifeless Planet inzwischen als Premier Edition für Windows, PS4, Xbox One, Mac und Linux. Ein Nachfolger namens Lifeless Moon ist aktuell in Entwicklung.

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