Best of Indie April

Heiß! Hochkarätig! Die schönsten, besten und spannendsten Indie-Spiele der letzten Wochen, hier exklusiv von meiner Rundschau für Golem.de, dem Standard und fm4 zusammengewürfelt. Plus: Extracontent! Bon appetit!

Everything PS4, Windows, Mac 15 Euro.

Von “Ausnahmespielen” ist öfter die Rede, Everything ist tatsächlich eines: In ihm lässt 3D-Künstler David OReilly seine Spielerinnen und Spieler nämlich schlicht, nunja, alles sein - vom kleinsten Staubpartikelchen über Tiere, Pflanzen, Häuser, Kontinente bis hin zu Galaxien. Die Wanderung durch die tausenden belebten und unbelebten Wesenheiten dieser Welt wird begleitet von mal banalen, mal persönlichen “Gedanken” dieser Objekte und eingerahmt von Vorträgen des britischen Religionsphilosophen Alan Watts, der in seiner von Zen und Daoismus inspirierten Weltsicht quasi die Theorie zum Spiel mitliefert: Alles ist verbunden und die Annahme, wir seien vom Rest des Universums getrennt, ist reine Illusion.

Was nach schwurbeliger Esoterik klingt, ist als Spiel dank absurdem Humor und immer wieder berührender Gedankensplitter ein trotz aller Philosophie höchst unterhaltsamer Spaziergang. Ganz ohne Oberlehrerhaftigkeit regt Everything seine Spielerschaft zum Nachdenken, aber auch zum Schmunzeln an und führt dabei vom Größten zum Kleinsten und wieder zurück. Ein Spiel wie dieses hat es noch nie gegeben - dass der in alle Richtungen offene, prozedural generierte kosmische Spielplatz auch noch dramaturgisch geschickt eine Geschichte erzählt, die bis ins sehr Persönliche reicht, macht Everything zum emotional berührenden interaktiven Kunstwerk, bei dem trotzdem der Humor nicht zu kurz kommt.

Battle Brothers Windows, 28 Euro

Weitaus handfester und spielmechanisch klassischer geht es in Battle Brothers zur Sache, das vom Hamburger Studio Overhype soeben aus der Early-Access-Phase final veröffentlicht wurde. Man nehme die offene Spielwelt des Klassikers Pirates! bzw von dessen inspiriertem Erbe Mount & Blade und ersetze die Schlachten zu Pferd oder Schiff durch rundenbasierte Kämpfe nach dem Muster von XCOM und Co - fertig ist ein Spiel, das endlos an die Bildschirme fesselt. Als Anführer einer Kompanie von Söldnern ist man in einer quasi-mittelalterlichen Fantasywelt damit beschäftigt, immer anspruchsvoller werdende zufällige und story-basierte Missionen anzunehmen und seine Truppe eigenwilliger Soldaten immer besser auszurüsten und zur schlagkräftigen Truppe zu formieren.

Der niedliche Grafikstil täuscht: Die Welt von Battle Brothers ist blutig und ziemlich gnadenlos. Tote Kameraden bleiben tot, und manchmal bleibt nur die ruhmlose Flucht als letzter Ausweg. Der spielerische Kern, die rundenbasierten Scharmützel gegen eine Vielzahl an aggressiven Feinden, entfaltet sich dank unterschiedlicher Waffen, Fähigkeiten und Kampfstrategien zum taktischen Herausforderung. Wer jemals dem Sog der großen Vorbilder Mount & Blade und XCOM verfallen ist, findet in Battle Brothers einen eigenständigen, aber gewohnt fast unwiderstehlichen Sog entfaltenden Zeitfresser, dem die Liebe zum Genre in jedem Detail anzumerken ist.

Playerunknown’s Battleground Early Access Windows, 30 Euro

Riesige Multiplayer-Sandboxen, in denen sich Spielerinnen und Spieler mit allen Mitteln ans Leder wollen, sind spätestens seit dem Erfolg von DayZ, Rust & Co groß in Mode; die “schnelleren” Varianten, in denen der kurzweilige PvP-Kampf im Vordergrund steht, haben sich in den letzten Jahren zum boomenden Subgenre entwickelt, das großteils im Early Access stattfindet. Nun hat sich das Team hinter den bisherigen Publikumslieblingen H1Z1: King of the Kill und der ArmA-Mod Battle Royale dazu aufgemacht, die vielleicht ultimative Multiplayer-Sandbox der beliebten Marke “Jeder gegen jeden” in Angriff zu nehmen.

Bis zu 99 Spieler bekämpfen sich auf einer riesigen, 8x8 km großen Inseln mit allem, was ihnen in die Finger kommt - massive Innovation sucht man hier vergeblich, aber das macht zumindest den knapp 700.000 Käufern (!) der erst seit kurzer Zeit verfügbaren Early-Access-Version scheinbar nichts aus. Battlegrounds macht nichts bahnbrechend neu oder anders, verlässt sich aber dafür auf die Erfahrung seiner Designer - und die Chancen, dass der “Neuling” sogar noch früher fertig wird als der Urvater DayZ stehen gar nicht mal schlecht. Unterhaltsam, blutig, solide - nicht schlecht für eine Alpha.

Rain World Windows, PS4, 20 Euro

Auf den ersten Blick könnte man Rain World für einen ganz normalen Plattformer halten, in dem man als kleines, hinreißend animiertes Katzenwesen hunderte Bildschirmen einer offenen Ruinenwelt im Pixelstil erforscht, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn Rain World ist eigentlich etwas völlig Eigenständiges: ein überaus gnadenloser 2D-Überlebenssimulator, in dem die Suche nach Nahrung und Schutz ebenso wichtig ist wie die Flucht vor einer sich autonom und ständig anders verhaltenden virtuellen Tierwelt. All die Echsen, Vögel und anderen Monster, die diese Welt bevölkern, verfolgen autonom ihre eigenen Ziele und finden sich bei jedem Versuch an anderen Orten, bekämpfen sich gegenseitig und machen Jagd auf das fast wehrlose Katzentierchen, das seinerseits kleine Fledermäuse und Früchte zum Überleben einsammeln und sich vor dem periodisch einsetzenden Regen in Sicherheit bringen muss.

Mit dieser Prämisse im Hinterkopf erklärt sich auch die anfangs durchaus abschreckende Schwierigkeit des Spiels, in der jeder Tod zusätzlich durch den Entzug von “Karmapunkten” bestraft wird, die man braucht, um weiterzukommen - die Natur ist eben grausam. Wer sich von etwas hakeliger Steuerung, vor allem zu Beginn frustrierendem Schwierigkeitsgrad und der Weigerung des Spiels, auch essentielle Systeme zu erklären, nicht abschrecken lässt, bekommt ein faszinierendes virtuelles Ökosystem, in dem viele Geheimnisse und Herausforderungen warten - ein ziemlich einzigartiges Spiel, nur eben nicht für jeden.

The Signal from Tölva Windows, Mac um 20 Euro.

Und noch ein Ökosystem, das ohne unser Zutun lebt und das man spielen soll: Im stylischen First-Person-Shooter The Signal from Tölva bekriegen sich Roboterfraktionen auf einem fremden Planeten, von dem ein geheimnisvolles Signal verschickt wurde. Der Clou: Wie im Kultklassiker STALKER - Shadow of Chernobyl gehen die Blechkameraden selbstständig ihren Beschäftigungen nach, bekriegen sich untereinander und lassen sich auch als Alliierte gewinnen. Der von Spielerinnen und Spielern gesteuerte Roboterkrieger ist dabei sowohl aufrüst- als auch austauschbar; beim Tod schlüpft man einfach in das nächste Chassis.

Dreh- und Angelpunkt des Spiels, das von Design-Legende Ian McQue http://mcqueconcept.blogspot.co.at/ (Rockstar Games) in beeindruckendem, von der SF-Kunst der 1970er-Jahre inspiriertem Stil gestaltet ist, ist die Erforschung dieser offenen Ruinenwelt. Spannend machen diese Wanderung die immer wieder unterschiedlich verlaufenden Kämpfe mit ihren eigenwilligen und unberechenbaren Bewohnern. Was besonders angenehm auffällt: Während andere große Open-World-Spiele inzwischen nach Schema F gestaltet sind und oft an einem Zuviel an Interface und Beschäftigungsangeboten stöhnen, ist The Signal from Tölva fast altmodisch puristisch und bietet Entdeckernaturen einen riesigen, überaus atmosphärischen Spielplatz, auf dem sich dank KI-Eigenleben immer wieder überraschende Situationen ergeben.

Desync Windows 15 Euro

Im Shooter “Desync” sind wir in einem Cyberspace, wie ihn sich die Popkultur der Achtzigerjahre vorgestellt hat. Nicht nur der retrofuturistische Grafikstil erinnert an den Filmklassiker “Tron” oder die SF-Romane des visionären William Gibson, auch der Soundtrack versetzt uns mit fantastischen New-Retro-Wave-Synthesizerklängen in die Technovergangenheit. Bei einer so geballten Ladung Nostalgie wundert es nicht, dass auch das Gameplay absolut klassisch geradlinig ausgefallen ist.

"Desync" ist ein stylisches Gesamtpaket aus puristischem, rasanten Arena-Gameplay und gelungener Ästhetik sowohl in Optik als auch Sound – obwohl es spielerisch grundverschieden ist, erinnert es in Schwierigkeitsgrad, hypnotischem Flow und Achtzigerjahre-Futurismus an das große "Hotline Miami", und das ist durchaus als Lob zu verstehen. Wegen seines rasch ansteigenden Schwierigkeitsgrads ist es allerdings eher für versierte Shooterfreunde zu empfehlen, die es durch Highscore-Jagd und variable Loadouts, aber auch vor allem durch sein intensives Gameplay in seinen Neon-Arenen halten wird. - derstandard.at/2000054296846-1336698156597/Desync-im-Test-Ein-Neonfest-fuer-Fans-puristischer-Arenashooter

Und sonst?

Das wunderschöne Future Unfolding (Windows, Mac 20 Euro) ist das puristischste Entdeckerspiel seit langem: In seiner Mischung aus prozedural generierter und gestalteter exotischer Natur ist das Spiel eines Berliner Studios eine hinreißend atmosphärische Expedition in eine unbekannte Welt.

Das Mystery-Abenteuer Kona (Windows, Mac, Linux 20 Euro) entführt in eine andere Wildnis: In den eisigen kanadischen Wäldern wartet hier ein mysteriöser Kriminalfall auf Detektive, die sich in dem originellen Mix aus Survival-Spiel und Adventure beweisen können.

Dass sogar das altehrwürdige Genre des Textadventures noch für Gänsehaut sorgen kann, beweist Stories Untold (Windows, 10 Euro) in vier großartigen Kurzgeschichten, wer allerdings ganz anderen Horror erleben will, sollte 2Dark eine Chance geben: Im aktuellen Spiel des Machers des Original-"Alone in the Dark" sind wir im täuschend knuddeligen Puppenhaus-Look in diversen Psychokillerhäusern dabei, Kinder und uns selbst vor dem Massakrieren zu retten - eine schräge Mischung mit grundsolidem Stealth-Gameplay und originellen Ideen.

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