Best of Indie Juli

Huch, der Juli ist schon rum - schnell noch die spannendsten Indie-Spiele der letzten Wochen nachgereicht, wie immer zusammengestellt aus meinen Artikeln für Golem und Standard. Bon appetit!

Nex Machina PS4, Windows, ca 20 Euro

Legendärer wird’s nicht: Eugene Jarvis íst der Schöpfer der 80er-Jahre-Arcade-Kultspiele Defender und Robotron: 2084 und hat mit Smash TV gewissermaßen das Genre der Twin-Stick-Shooter erfunden. Das finnische Studio Housemarque bringt gemeinsam mit Jarvis nun gewissermaßen die ultimative Wiedergeburt des unzerstörbaren Spielprinzips zurück auf die Bildschirme: In Nex Machina blitzt, kracht und rattert es in einer Wucht, dass man sich unweigerlich in die glorreiche Arcade-Vergangenheit zurückversetzt sieht. Der zeitgleich zum Spiel erschienene Film The Name of The Game dokumentiert die Kooperation der Designerlegende mit dem jungen Team aus FInnland.

Als Einzelkämpfer oder zu zweit im Koop ziehen Spielerinnen und Spieler in einer Abfolge von Arenen in den hektischen Kampf gegen gewaltige Gegnermassen und entfachen dabei mit einer Vielzahl von Waffen ein wahres Voxel-Feuerwerk, wie man es von den Resogun-Machern gewohnt ist. Höchste Konzentration und Geschicklichkeit sind nicht nur in den höheren Schwierigkeitsgraden gefragt, die Jagd nach dem größten Highscore ist die ultimative Motivation, sich in dieses hypnotische Feuerwerk zu stürzen. Nicht nur für Arcade-Veteranen ist Nex Machina ein wilder Trip in eine Games-Vergangenheit, die absolut frisch geblieben ist.

Cryptark PS4, Windows, Mac, Linuxs 15 Euro

Wie Nex Machina ist auch das stylische Cryptark ein Twin-Stick-Shooter, doch abgesehen von der Schublade gibt es wenig Gemeinsamkeiten: Das nach zwei Jahren aus dem Early Access entlassene Spiel eines kanadischen Entwicklers setzt zwar auch auf die Shooter-Mechanik, erfordert aber neben Konzentration und Reflexen auch taktisches Vorgehen und Planung. Als Plünderer schalten Spielerinnen und Spieler in immer wieder neu zufallsgenerierten riesigen Alien-Raumschiffwracks Stück für Stück miteinander verbundene Sicherheitssysteme aus, um die Kolosse dann zu Geld zu machen. Vorsichtiges Vorantasten und die kluge Wahl der Route sind dabei essentiell, denn wenn erst einmal zu viele Abwehrsysteme zugleich auf uns aufmerksam geworden sind, wird der taktische Raubzug schnell zur tödlichen “Bullet Hell”.

Auch Cryptark setzt auf das aktuell beliebte Rogue-like-Gerüst, um fast endlose Wiederspielbarkeit zu garantieren: Wie in FTL oder Dead Cells warten jedes Mal neue Herausforderungen und erlaubt eine Vielzahl von Waffen und Upgrades unterschiedliche Herangehensweisen. Sowohl in Sachen Präsentation als auch spielerisch ist Cryptark absolut gelungen; bis der erste erfolgreiche “Run” absolviert und das titelgebende Riesenraumschiff erreicht ist, vergehen einige spannende Stunden, danach lockt der herausfordernde “Rogue”-Modus mit noch größeren Herausforderungen.

Rising Storm 2: Vietnam Windows, 23 Euro

Auch auf dem Sektor militärischer Multiplayershooter existiert neben den millionenschweren Branchengrößen Battlefield & Co eine umtriebige Indie-Szene, die Fans mit kleinen, aber feinen Spielen versorgt - Squad, Insurgency, Day of Infamy genießen einen ausgezeichneten Ruf. Ebenso die Red Orchestra-Reihe, deren letzter Ableger Rising Storm 2: Vietnam ist, eine Koproduktion des polnischen Entwicklers Tripwire mit dem britischen Studio Antimatter Games. Der Name steht für asymmetrische, taktische Mehrspielerschlachten mit bis zu 64 Spielern und wagt sich in der aktuellen Auflage an den ikonischen Kriegsschauplatz in Südostasien.

Auf zehn Maps bekämpfen sich unterschiedlich bewaffnete US-Truppen und Vietcong in an historischen Kampfhandlungen angelehnten Konfrontationen - von weitläufigen Dschungelgebieten über verlassene Dörfer bis hin zum Straßenkampf. Die US-Truppen können im Unterschied zu den Guerrillataktik anwendenden Vietnamesen auch mit drei unterschiedlichen Helikoptern und Luftschlägen angreifen, dank ausgefeiltem Balancing lässt sich aber - auch das historisch akkurat - auch diese militärische Überlegenheit nur bedingt umsetzen. Taktisches, akkordiertes Vorgehen und ein kluger Einsatz der jeweiligen Soldatenklassen schlägt übrigens das aus anderen, weniger realistischen Multiplayershootern bekannte Run and Gun jedes einzige Mal. Ein spannendes und ziemlich anspruchsvolles Schlachtfeld für Shooter-Profis mit Willen zur Einarbeitung.

Antihero Windows, Mac 15 Euro

Dass auch in Brettspielen viel Spaß steckt, bedarf in deutschen Landen keiner weiteren Erklärung, manche Computerspiele schaffen es aber, den Reiz analoger Spielmechaniken mit klugen Erweiterungen digital noch zu erhöhen. In Antihero lenken Spielerinnen und Spieler die Geschicke eines Unterweltimperiums in einer vorindustriellen Stadt, wie sie auch Charles Dickens gefallen hätte, und auch das entsprechende kriminelle Personal kommt im schicken Cartoonstil des Spiels richtig zur Geltung. Rundenweise erforscht man eine dunkle Stadt, raubt Anwesen und Geschäfte aus, rekrutiert Straßenkinder, Schlägertypen und Gangs und versucht, schneller als die ebenfalls nach dem Sieg strebende gegnerische Diebesgilde eine festgesetzte Anzahl an Siegespunkten zu erspielen.

Eine Kampagne, die zugleich als ausführliches Tutorial dient, erklärt in mehreren Missionen die ineinandergreifenden Spielsysteme, danach wartet der Computergegner auf Einzelspieler. Mehr Spaß bietet allerdings - genau wie in fast allen digitalen Brettspielen - der Kampf gegen echte Menschen, der hier entweder “live” online gegen einen gleichzeitig spielenden Gegner oder aber per Email, Zug für Zug, geführt wird. Antihero ist besonders mit menschlichen Gegnern ein äußerst unterhaltsames Strategiespiel mit toller Präsentation und originellen Ideen - fast schade, dass es nicht zusätzlich auch als analoges Brettspiel für klassische Spieleabende existiert.

The Lion's Song Windows, 10 Euro

Auf fremden Planeten und in Fantasywelten war man als Spieler schon oft, im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts hingegen noch nie - genau dorthin entführt das vierteilige Point&Click-Abenteuer The Lion’s Song, das mit der soeben erschienenen letzten Episode nun endlich abgeschlossen ist. Als Mittelding aus Visual Novel und Adventure entführt das Spiel eines Wiener Entwicklers in eine längst vergangene Welt der Künstler, Wissenschaftler und Intellektuellen, stellt dabei auch intime Fragen nach Kreativität, Integrität und Schicksal und überrascht wieder und wieder durch Emotion und eine Ernsthaftigkeit, die man seinem heiteren, allerdings in stylischen Sepiatönen gefärbten 16-bit-Grafikstil auf den ersten Blick nicht ansieht.

Vier ganz verschiedene Hauptfiguren begleitet The Lion’s Song in abgeschlossenen, aber thematisch verbundenen Episoden. Wer anspruchsvoll erzählende Spiele wie etwa To The Moon, aber auch erzählerische Experimente wie Kentucky Route Zero schätzt, sollte unbedingt einen Blick auf dieses Ausnahmespiel werfen, das überdies mit großartiger Musik begeistern kann.

Aporia - Bexond The Valley (Windows, 16,99 Euro)

Das soeben erschienene Aporia: Beyond the Valley tritt in die großen Fußstapfen von Myst & Co. Im First-Person-Puzzler dänischer Entwickler findet man sich - so weit, so klassisch - allein in einer idyllischen Umgebung voller rätselhafter Mechanismen. Der Weg, zu Beginn noch linear, ist nur durch anfangs verschlossene Portale und Rätsel eingeschränkt, prinzipiell können sich Spielerinnen und Spieler aber frei in einer Welt bewegen, die nicht mit atmosphärischen Ecken geizt. Denn die Welt von Aporia ist dank CryEngine stellenweise spektakulär hübsch: Sonnendurchflutete Wälder, spektakuläre Ruinen und halb von der Natur überwucherte Gemäuer lassen, wie beabsichtigt, das Gefühl aufleben, als Indiana Jones die Geheimnisse einer versunkenen Zivilisation zu enträtseln.

Der Fokus des Spiels liegt allerdings nicht ausschließlich auf seinen Puzzles, sondern auch auf der Erforschung der Welt sowie, etwas später, auf einem im Genre sonst selten gesehenen Abstecher ins mild Gruselige, denn - Mini-Spoilerchen - ganz so allein, wie es den Anschein hat, ist man im Tal dann doch nicht. Rätselfreunde, die über die aktuell noch hin und wieder störenden Technikstotterer hinwegblicken können, finden in “Aporia” einen lohnenden Sommerspaziergang durch eine wunderschön gestaltete Ruinenwelt; Skeptiker sollten eventuell noch den ein oder anderen Patch abwarten.

Und sonst?

Auf den Spuren von Limbo und Inside wandert das düstere Black The Fall (Windows 15 Euro). Als namenloser Arbeiter durchqueren Spielerinnen und Spieler in diesem Sidescroller mit Stealth- und Puzzle-Elementen eine dystopische Industrielandschaft voller tödlicher Fallen und tyrannischer Wärter, lösen physikbasierte Rätsel und müssen sich vor unzähligen Gefahren in Acht nehmen. Dass totalitäre Systeme und dabei vor allem eine furchterregende industrialisierte Schreckvision des Kommunismus das Thema sind, fällt einem auch ohne den Background des rumänischen Entwicklerstudios zu kennen schnell auf. Black The Fall bleibt zwar spielerisch hinter seinen großen Vorbildern zurück, beeindruckt aber durch starke Bilder und seine düstere Atmosphäre, die ganz ohne Worte auskommt.

Ein einzigartiges Rollenspiel bekommt Nachschub: Mit Darkest Dungeon: The Crimson Court (Basisspiel Windows, Mac, Linux, PS4, Xbox One, 24 Euro; DLC aktuell nur Windows, Mac, 10 Euro) werden die stressigen Kerker um ekelhafte Insekten, böse Vampire, einen neuen Helden und viel Angstschweiß erweitert. Das DLC fügt sich nahtlos ins - nach wie vor absolut empfehlenswerte - Hauptspiel ein und kann somit sowohl von Neueinsteigern als auch Veteranen sofort erforscht werden.

Wie schon extra erwähnt: Das auf den ersten Blick unscheinbare Caveblazers (Windows, 10 Euro) ist ein weiteres Spiel auf den Spuren des Erfolgs von Spelunky & Co. Als pixeliger Abenteurer erforschen Spielerinnen und Spieler immer neu generierte Höhlen auf der Suche nach Schätzen, Waffen und sich zu absurden Kombinationen zusammenstückelbaren Upgrades - bis zum nächsten Permadeath. Daily Runs und ein unaufdringlicher Charme machen das kleine Spiel zum unerwartet anziehenden kleinen Häppchen für zwischendurch - und immer wieder.

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