Best of Indie: September 2016

In Wien war GameCity, aus diesem Anlass habe ich eine praktische Liste der bislang besten Indie-Spiele des Jahres zusammengetragen - hier nachzulesen. Auch abgesehen davon gab's Bemerkenswertes - hier die schönsten Indie-Spiele der vergangenen Wochen, plus Bonus-Track.

Bound (PS4, 19,99 Euro)

Man muss mit der altehrwürdigen, oft als verstaubt belächelten Kunst des Balletts oder hochkulturellem Ausdruckstanz rein gar nichts am Hut haben, um sich in “Bound” des polnischen Entwicklers Plastic zu verlieren. Im Gegenteil: Auch eingefleischte Tanzskeptiker könnten durch dieses Indiespiel mit außergewöhnlicher Optik einen originellen Zugang zur kreativen und kunstvollen Bewegung finden.

Aber der Reihe nach: “Bound” entführt seine Spielerinnen und Spieler in abstrakt-geometrische Welten, die es so nur selten in Spielen zu sehen gab. Expressive Formen, unmögliche Architekturen, starkes Design und teils atemberaubende Ausblicke machen “Bound” zum rein optisch herausstechenden Trip aus Farben, Formen und Bewegung. In dieser bizarr-sterilen Fantasywelt bahnt sich eine Prinzessin auf Befehl ihrer titanenhaften Mutter einen Weg auf der Suche nach einem Retter vor einer dunklen Bedrohung. “Bound” ist ein Gesamtkunstwerk in Bewegung, das in seiner Abstraktion und unmöglichen Architektur auch an die Visionäre der modernen Kunst und Architektur erinnert. Kunst? Kunst.

Valley (Windows, PS4, Xbox One, 19,99 Euro)

Wenn die kanadischen Macher des Horror-Phänomens "Slender" ein neues Spiel vorlegen, darf man gespannt sein. Inhaltlich und thematisch geht's aber diesmal um ganz anderes als Horror: Dreh- und Angelpunkt des Gameplays ist eine Art Exoskelett, das übermenschlich rasantes Sprinten und vor allem gewaltige Sprünge ermöglicht. Sanfte Hügel, die majestätischen Baumriesen und idyllischen Bäche werden schnell zur Nebensache, wenn der Endorphin- und Adrenalinrausch dieser Bewegungsfreiheit einsetzt - kaum einem First-Person-Spiel ist diese Freude an der Geschwindigkeit zuvor so gut gelungen. Natürlich ist der Sprint durch die Wälder nicht ziellos: Wie “Bioshock” erzählt auch “Valley” durch Audiologs, Briefe und seine Umgebungen eine Geschichte - und wie in “Bioshock” ist es eine vom Größenwahn des menschlichen Forschergeists.

"Valley" ist ein äußerst unterhaltsames Spiel, das sich in Sachen Abwechslung und vor allem Spielspaß vor kaum einem dreimal so breit ausgewälzten Hochglanzspiel verstecken muss. Denn Längen hat die originelle Genremischung so gut wie keine, im Gegenteil: Wenn die drei kurzweiligen Stunden bis zum Abspann vorbei sind, hätte man eigentlich immer noch Lust, mit Siebenmeilenstiefeln weiter durch diese schöne Welt zu rasen und riesige Luftsprünge zu machen.

The Turing Test (Windows, Xbox One, 19,99 Euro)

Das vor kurzem erschienen “The Turing Test” tritt als First-Person-Puzzler mit philosophischen Story-Ambitionen in die großen Fußstapfen, die "Portal"; "The Talos Principle" oder auch "The Witness" hinterlassen haben.. Die Ausgangssituation: Eine einsame Astronautin rätselt sich nur in Begleitung einer künstlichen Intelligenz auf dem Jupitermond Europa durch eine verlassene Raumstation. Der Parcours, auf dem in steigendem Schwierigkeitsgrad durchaus originelle Puzzles gelöst werden wollen, wurde von der verschwundenen Crew nur mit dem einen Zweck errichtet, ausschließlich menschlicher Intelligenz lösbar zu sein - der titelgebende “Turing Test” ist bekanntlich ein Verfahren, um die Menschenähnlichkeit künstlicher Intelligenz zu testen.

Für das Stürzen der großen Vorbilder reicht es auch wegen Fehlen einer originellen SPielmechanik und manchmal etwas uninspirierter Dramaturgie leider nicht, aber für Freunde des Genres ist sicherlich auch dieser Nachschub willkommen. “The Turing Test” ist ein angenehm kniffliges, inhaltlich ambitioniertes Rätselabenteuer, das sich im Schatten der alles überragenden Genregiganten gut behaupten kann - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Virginia (PS4, Xbox One, Windows, Mac, 9,99 Euro)

Wer sich von Spielen hauptsächlich “Gameplay” erwartet, also spielerisch herausfordernde Prüfungen von Geschick, Durchhaltevermögen oder Kombinationsgabe, kann um das soeben erschienene “Virginia” einen weiten Bogen machen. Wer aber mit erzählerischen Experimenten wie “Firewatch” oder “Everybody’s Gone To The Rapture” etwas anfangen kann, sollte sich auch dieses innovative Drama unbedingt näher ansehen. Und wer das kurios-geniale "Thirty Flights of Loving" verehrt, findet hier einen ausdrücklich inspirierten Nachfolger im Geiste, der dessen Ideen konsequent in größerer Form umsetzt.

Als frischgebackene FBI-Agentin im ländlichen Kleinstadtamerika der 90er-Jahre unterwegs, ist es die Aufgabe der Protagonistin, sowohl das Verschwinden eines Jugendlichen als auch die zugeteilte Partnerin genauer unter die Lupe zu nehmen. Im Verlauf einer Woche in der Kleinstadt Kingdom stehen sowohl der mysteriöse Fall als auch das fragile Verhältnis zwischen den beiden Ermittlerinnen im Zentrum. “Press Enter to take a Trip”, fordert schon der Startbildschirm zweideutig, und das ist dieses Spiel im doppelten Wortsinn: eine Reise, die zugleich nach draußen und nach innen führt. Wie sich in den etwa zwei Stunden Spielzeit persönliches Drama, Mystery-Elemente und starke Symbole zu einem faszinierenden Rätsel zusammenfügen, wird jene begeistern, die auch beim Werk von David Lynch, dessen “Twin Peaks” gemeinsam mit “Akte X” nicht nur wegen Setting und Stimmung stets präsent ist, ihre Freude am Grübeln, Diskutieren und Interpretieren haben. Nach “Firewatch” und “That Dragon, Cancer” ist “Virginia” 2016 bereits das dritte souverän gelungene Experiment in Sachen interaktives Erzählen. Nur eben - siehe ganz oben - nicht für jeden.

Pavilion (Windows, Mac, Linux 9,99 Euro)

Nur eine halbe Empfehlung gibt es für das seit über zehn Jahren erwartete, nun endlich (halb) erschienene "Pavilion". Einerseits ist es ungelogen eines der hübschesten Spiele aller Zeiten Die unmöglichen Architekturen, die wir hier durchqueren, möchte man am liebsten ausdrucken und an die Wand hängen. Wir sehen diese faszinierende, liebevoll von Hand gezeichnete Welt aus der klassisch isometrischen Perspektive von schräg oben und haben die Aufgabe, einen namenlosen Mann sicher voranzuführen - vielleicht, so scheint es zumindest, auf der Suche nach einer Frau, die wir hin und wieder von fern beobachten können. Allerdings steuern wir unsere Figur nicht direkt, sondern machen nur den Weg frei. Wir verschieben Steinblöcke, betätigen Schalter und wenn wir eine Glocke läuten, macht sich unser Held selbstständig auf den Weg. Der dafür geprägte Marketing-Slogan vom "fourth person gameplay" muss leider schon als erster Hinweis auf das nicht ganz unprätentiöse Selbstverständnis des Entwicklers verstanden werden.

Leider kann "Pavilion" - das ist das "andererseits" - abgesehen von seiner Präsentation nicht vollends überzeugen. Wenn eigentlich simple Verschiebepuzzles der Marke "Soko-Ban" wegen der indirekten Steuerung viermal so lange brauchen, führt das nicht nur den Sinn der Innovation des "fourth person gameplays" ad absurdum, sondern macht auch all jene unrund, die von Optik und Konzept begeistert sind. In Sachen Originalität wurde das schöne Spiel nämlich im Jahrzehnt seines Entstehens zum Beispiel vom großartigen "Monument Valley" mehrfach überrundet - und das sieht bekanntlich auch nicht übel aus. Wer Freude an Pixelkunst hat, darf einen Blick riskieren. ABer Obacht: Auch die von der PR als ach so wichtiges Spielelement gehypte Musik verbleibt wie das Gameplay im seichten Gewässer esoterischer Saunabeschallung. Schade.

Cogmind (Windows, Mac, Linux im Early Access um ca 24 Euro)

Über den ästhetischen Reiz von ASCII kann man geteilter Meinung sein, doch das Science-Fiction-Roguelike "Cogmind" holt aufregend Neues aus der traditionell schlichten (Nicht-)Grafik des Genres heraus: Bunte Explosionen aus Satzzeichen und Buchstaben, schicke Effekte beim Interface und nicht zuletzt atmosphärische Soundeffekte geben "Cogmind" so etwas wie Hochglanz-Minimalismus - ein Blick auf das Spiel in Bewegung zeigt, wie viel sich aus der freiwilligen Beschränkung herausholen lässt. Neben dem "klassischen" ASCII-Mode unterstützt "Cogmind" auch simple Tile-Grafik für nicht ganz so Abstraktionsbegeisterte.

"Cogmind" fügt dem Genre aber auch spielerisch Neues hinzu: So merkt sich die über die ganze Spielewelt persistente AI unser Vorgehen und reagiert darauf, und die Roboter "leben" in einem komplex simulierten Ökosystem. "Cogmind" ist noch nicht ganz fertig - die finale Version soll Anfang nächsten Jahres erscheinen. Ungewöhnlich für das Genre, das zum Großteil gratis und Open Source ist, ist , dass sein Entwickler für den Alpha-Zugang Geld verlangt, und nicht gerade wenig: Mit etwa 24 Euro ist das Spiel nicht nur für Early-Access-Verhältnisse relativ kostspielig. Das soll die Alpha-Community auf gerne auch Feedback gebende Idealisten beschränken - der finale Preis bei Release soll dann sogar etwas niedriger ausfallen. Schon jetzt - Idealismus und Geld vorausgesetzt - einen Blick wert.

Und sonst...?

Auf das großartige "Sorcery!" habe ich bereits gesondert hingewiesen, der soeben erschienene vierte Teil macht das Spielbuch zu einem endlos faszinierenden Rollenspiel der ganz besonderen Art. Kleiner Tipp: Wer die vier Teile in ANgriff nehmen möchte, ist mit den Smartphone-Versionen gut beraten - die funktionieren perfekt und sind um einiges günstiger als die PC-Version.

Auch das an dieser Stelle bereits einmal erwähnte "Battle Brothers" hat mit einem großen Update einen Sprung näher zum Release gemacht, für Tablet-Ästheten gibt's seit kurzem das hübsche "Burly Men At Sea" und wer der glorreichen Ära der 90er-Jahre-Multiplayer-FPS nachtrauert, sollte einen Blick auf das famose "TOXIKK" werfen - das ist sogar gratis, ganz ohne Pay2Win-Nonsens.

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